Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 472 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Julius Levinsohn: gebotenen Freiheit der Erkenntnis Ernst machte? Was dann? Worauf soll sich' das Gesetz stützen, wenn jenes Geschichtsdogma, auf dem es beruht, gefallen ist? Diese Fragen legte sich Mendelssohn deshalb nicht vor, weil er von dem Siege des jüdischen Gottes, auch wenn, er durch die Vernunft auf die Probe gesellt wurde, „im Herzen" überzeugt war, weil für ihn die Identität des theistischen und des Gottes seiner Väter von vornherein feststand. Hier ist die Wurzel der „jüdischen" Konfession moderner Observanz, die in Wahrheit in keinem Zusammenhange mehr steht mit der religionsgeschichtlichen Entwicklung des Judentums. Denn wenn man, nachdem die Religion sich bereits zur Konfession entwickelt hat, in dieser nochdas einzige ausscheidet, was sie trägt, das Gesetz, sei es nun Dogma oder Ritus, so bleibt nichts übrig als die konzentrierte Gottesidee selber. Reformation ist nur möglich durch die Religion, durch Gesetzgebung, nicht durch Ne'gation des Bestehenden. Mendelssohn fühlte den Beruf zum Reformator nicht in sich. Er stützte sich vielmehr auf das Ritualgesetz, das er auch unter dem Titel „Ritualgesetze der Juden" auf die Bitte des Berliner Oberrabbiners in deutscher Sprache, geordnet nach Erbschaften, Testamenten, Vormundschaften und Ehesachen herausgab. Dieses Festhalten am Ritus ist der Nachwelt besonders rätselhaft erschienen. Es erklärt sich aber vollkommen, wenn man weiß, daß der Theismus sich immer auf das Gesetz — Dogma oder Ritus — stützen muß, wenn er sich überhaupt in menschlicher Gesellschaft halten will. Kant führte sein großes religionsphilosophisches Werk auf dem kirchlichen Dogma auf, das er nicht negierte, sondern auslegte, und aus diesem Gefühl des Gebundenseins an die Tradition legte Mendelssohn sich jene unheimlichen Fragen gleichfalls nicht vor. Hinzu kommt, daß für ihn, trotz aller gegenteiligen Versicherungen, der Ausgangspunkt des religiösen Lebens nicht die Vernunfterkenntnis war und nicht das Gefühlsdogma, sondern die unanfechtbare Geltung des Ritualgesetzes, dessen Berechtigung freilich er vor sich durch Vernunftgründe klarzulegen suchte. Auf solcher Grundlage aber bedurfte es keines Dogmas — zum mindesten eines solchen nicht, das das Wesen der Gottheit selbst betraf —, um der Religionsgemeinschaft treu zu bleiben, und keines, um Wahrheit suchende Geister zu bannen. Die Vernunft richtete unter der Wucht der Tradition; diese blieb die Macht des Lebens. „Der Geist des Judentums ist Konformität in Handlungen und Freiheit in Absicht auf Lehrmeinungen, wenige Fundamentallehren ausgenommen, über welche alle unsere Lehrer sich vereinigt haben, und ohne welche die jüdische Religion schlechterdings nicht statthaben kann." Mendelssohn hat den Freiheitsgedanken, den großen Gedanken der Zeit, zum ersten Mal wieder in der Geistesgeschichte des Judentums lebendig gemacht. Er hat dem jüdischen Menschen, gedanklich wenigstens, die Freiheit übermittelt, die ihn, weit später freilich, befähigte, die Entscheidung seines Lebens zu fällen, und wurde er auch selbst nicht Führer auf diesem neuen Wege in Freiheit, so durchleuchtete er doch den Freiheitsgedanken, den er auf dem Wege seiner Zeit fand, mit der Klarheit seines Geistes. Seine Zeit aber verstand ihn staunend, weniger seine eigene Nation, ,,die", wie er an Hennigs schreibt, „in einer solchen Entfernung von Kultur gehalten ist, daß man an der Möglichkeit einer Verbesserung verzweifeln möchte." Mendelssohn jedoch verzweifelte nicht, er wußte, auf welchem Wege es möglich war, seiner Nation die Kultur des Jahrhunderts zu vermitteln.