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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 474

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Moses Mendelssohn
Date
1919-01-01
Page
474 (sequence 10)
Language
German
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474 Meir Wiener: schlecht in der Vollkommenheit immer weiter, so würden die neuen Abkömmlinge keine Gelegenheit finden, ihre Kräfte zu üben, ihre Anlagen zu entwickeln; und dieses ist doch gleichwohl der wahre Zweck der Natur." Wer so dachte, stand nicht am Beginn der neuen jüdischen Geschichte. „Wo ich eine betretene Bahn vor mir sehe, da suche ich keine neue zu machen", hat Mendelssohn selbst gesagt. Er war eine , stille Natur, die nur ungern in die Händel der Welt eingriff. Als die Elsässer Juden sich an ihn mit der Bitte wandten, für sie eine Schutz- und Empfehlungsschrift auszuarbeiten, da übertrug er diese freilich nicht leichte Aufgabe einem anderen, und auch die Bibelübersetzung hat er ursprünglich nur für den engen Kreis seiner Angehörigen und Freunde bestimmt. Die Welt lockte ihn, sie im Gedanken zu erfassen, aber nicht zu formender Tat. Darum wird sich das Urteil der Geschichte über ihn nicht durch das Denkmal beirren lassen, das Lessing dem Freunde im „Nathan" setzte. Dieses Denkmal gilt dem Menschen Mendelssohn. Und als er 1786 seine irdische Laufbahn vollendet hatte, da trauerte das Jahrhundert, und nicht zuletzt seine Nation um den Meister des Lebens und der Zeit. Jenes Urteil aber gilt dem Werk, das ein Größerer begonnen und ein Größerer vollendet hat. Königsberg Julius Levinsohn ZUR PSYCHOLOGIE DER LEGENDE . I. Die Scheu, an Religionsprobleme mit psychologischen Deutungsmitteln heranzutreten ist in der Furcht vor voreiligen, destruktiven Wirkungen der psychologischen Erklärung, die oberflächlicherweise zur einseitigen Deutung des inneren Wesens der gegebenen religiösen Erscheinung überspannt wird, begründet. Dabei wird der entgegengesetzte Fehler begangen und die psychologische Seite der religiösen Vorgänge — wie doch alle geistigen Ereignisse eine psychologische Seite haben — absichtlich übersehen. Als ob durch die psychologisch-genetische Schilderung einer Geistesäußerung ihre eigentliche Wahrheit irgendwie beeinträchtigt werden könnte. Ändert etwas an der Wahrheit eines logischen, mathematischen oder naturwissenschaftlichen Satzes die Schilderung seiner psychologischen Entwicklungsgeschichte? Die Angst vor den kindischen Verheerungen der materialistischen Metaphysik der Aufklärer spukt auch jetzt noch, da alle Gefahr der einseitigen Überspannung vorbei zu sein scheint, im Denken aller um den Geist Besorgten. Als es der Aufklärung glückte, die gefährlichen Gespenster der Vorzeiten zu bannen, ging sie in kindisch kraftvoller Entdeckerfreude weit über ihre Mittel hinaus und meinte durch Aufweisung und Schilderung gewisser geschichtlicher, biologischer, ethnologischer und psychophysiologischer Voraussetzungen und Nebenumstände, so z. B. durch Eliminierung des magisch gedachten Offenbarungscharakters der Religion, auch ihre innere Unwahrheit erwiesen zu haben. Aber schon Hume hat nachgewiesen, wie wenig ein Entstehungs- und Entwicklungsumstand über die innere Wahrheit eines errungenen Satzes zu entscheiden vermag, Wahrheit bleibt wahr, welchem Umstand auch ihre Auffindung zu verdanken sein sollte. Der Wert

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