Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 471 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Mendelssohn 471 entgegengesetzter und gefährlicher, als die Expansionskraft geschichtlichen Lebens, Die Aufklärungszeitalter sind die großen Pausen in der historischen Produktivität des Menschengeistes. Die religiöse Toleranz ist aber auch geboten, denn es liegt im Wesen dieser Zeit, die Überzeugung des Einzelnen zu achten, und die Konfession ist durchaus Sache des Einzelnen, da sie eben Gesetz ist, dem man sich glaubend unterordnet, nicht Gesetzgebung einer von einem neuen Willen beseelten und getriebenen Gemeinschaft. Erleichtert wird die religiöse Toleranz durch die Herrschaft der Vernunft. Sie läßt auch die Besonderheiten schwinden, die der Konfession noch anhaften, und auf ihrer Überwindung erhebt sich nunmehr die Vernunftsreligion, der Theismus. Der Theismus ist das deutlichste Wahrzeichen kosmopolitischer Aufklärung. Ihm hat Mendelssohn ein unvergängliches Denkmal gesetzt in seiner berühmten Schrift „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum" (1783)*). Es ist ein Denkmal von Meisterhand. Das Ganze ist beseelt von den besten Kräften der Aufklärung. Dem Staat wird die Grenze innerhalb des Handelns der Menschen gesteckt: über Gesinnungen verfügt allein die Kirche, und auch diese nicht mit Gewalt, sondern mit Lehren und Trösten. Gesinnungen habe der Staat zu respektieren, und darum den Konfessionen Toleranz zu gewähren. Das gilt in zweifacher Hinsicht. Für den Staat ergibt sich daraus die Pflicht, die jüdische Konfession und ihre Träger zu schützen, für die Juden aber, sich vor gegenseitiger Verketzerung zu hüten. „Das Judentum befiehlt .Glauben an historische Wahrheiten, an Tatsachen, auf welche sich die Autorität unseres positiven Ritualgesetzes gründet. Das Dasein und die Autorität des höchsten Gesetzgebers aber muß durch die Vernunft erkannt werden, und hier findet nach den Grundsätzen des Judentums und den meinigen keine Offenbarung und kein Glaube statt. Auch ist das Judentum keine geoffenbarte Religion, sondern geoffenbartes Gesetz. Ich hätte also als Jude Überzeugung durch Vernunftsgründe zu suchen." Überzeugung durch Vernunftgründe! Das ist der Meister, der sich und seine Zeit durchschaut. Freiheit in der auf Vernunft gegründeten Erkenntnis des Wesens der Gottheit, Gebundenheit aber an das „geoffenbarte" Gesetz und als einziges Dogma: der Glaube an die historische Tatsache dieser Offenbarung. Das Judentum war Konfession geworden. Aber in wie merkwürdiger Weise war hier das Theistische und das gesetzliche Element gemischt! Sah Mendelssohn die inneren Widersprüche seiner These nicht, die Unmöglichkeit, Freiheit und Bindung an ein Gesetz auf die Dauer zu vereinigen? Wie, wenn der Glaube an jene geschichtliche Grundlage des Gesetzes schwankend wurde durch den Gebrauch eben jener Freiheit, die hier dem gotterkennenden Menschen gewährleistet wurde, wenn die „Lehrmeinungen", „Heilswahrheiten" und „allgemeinen Vernunftsätze", die „der Ewige uns, wie allen übrigen Menschen, allezeit durch Natur und Sache, nie durch Wort und Schriftzeichen offenbart", wenn alles dies eines Tages zusammenstürzt, nicht, weil der Mensch von einem Dogma abgefallen ist, sondern weil er mit jener ihm hier ausdrücklich gestatteten, ja ' *) Eine Neuausgabe ist soeben in der Serie der „Weltbücher" (Weltverlag, Berlin) erschienen.