Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Moses Mendelssohn
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 470 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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470 Julius Levinsohn: legung. Das Denken, losgelöst oder doch sich loslösend, im Prinzip sich abwendend von den Bindungen an die dunkle Substanz der Idee, das Denken, ein Reich für sich, das Reich der Wahrheit aus sich selbst, das vernünftige Denken fällt hier die Entscheidung. Die folgende Generation zog aus diesen Prämissen den Schluß, Mendelssohn aber, der Suchende, errang sich von diesen Voraussetzungen aus ein großartiges Weltbild, das Bild der im Erkennen des Wahren, Guten und Schönen geeinten Menschheit. Hier geht der Rationalismus der Zeit in den jeder Aufklärung immanenten Kosmopolitismus über. Die Grundlage des Kosmopolitismus bildet die Toleranz. Sie ist eine religiöse. Die Nation wird übergangen. Sie ist im höchsten Falle Objekt der allgemeinen Weltbeglückung, nicht selbständiger Organismus, des Geisteslebens. Der Internationalismus dieser Zeit ist nicht antichauvinistisch, sondern antinational, nicht für die Gleichberechtigung aller Nationen, sondern gegen die Nationen überhaupt. Der Einzelne steht mit dem Weltganzen unmittelbar in Berührung, und was die Menschheit einigt, ist nicht der Geist aus Besonderheiten aufsteigend, in Besonderheiten sich entfaltend, sondern die Vernunft in abstrakter Allgemeinheit und Notwendigkeit. Mit den Nationen schwindet aber auch die Bedeutsamkeit der Religion. Denn was ist Religion anderes, als die Verpflichtung des Einzelnen an den Geist; als die Schöpfung Gottes durch den Menschen, der sich nach der Legitimierung der in ihm wachen Geistesautorität sehnt. Diese Verpflichtung aber ist immer Gesetzgebung, und darum immer Aktion nationaler Besonderheit. Religion ist eine geschichtliche Macht. Wo sie daher aus dem Wirkungsbereich des Besonderen in die Sphäre des Allgemeinen tritt, wird sie entweder aufhören, Gesetzgebung überhaupt und damit Religion zu sein, oder sie wird Gesetz, und somit entweder Dogma oder Ritus. Josua von Nazareth kam nicht, das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen, den neuen Bund zu schließen zwischen Gott und Mensch. Und diese neue Gesetzgebung wäre im Zeitalter des Hellenismus nicht möglich gewesen, wenn sich nicht der neuen Idee, die von Plato kam und in der Welt sich zu verlieren drohte, die Substanz nationaler Energie, jüdischer Lebenswille, verbunden hätte. Warum aber bemächtigte sich des neuen Sittengesetzes so bald und so gründlich das Dogma? Eben deshalb, weil die alte Kultur den neuen Völkern nicht als organisches Gewächs eigenen nationalen Lebens, sondern als etwas Fremdes vermittelt wurde, weil auf diesem Wege die Religion aufhörte, nationale Gesetzgebung zu sein und die Weltherrschaft antrat. Bezeichnend aber ist, daß neben der Weltherrschaft des Dogmas einherging, weniger geräuschvoll, aber nicht weniger konsequent, die Herrschaft des Ritus in der kleinen jüdischen Gemeinschaft, die zwar ihre nationale Tradition bewahrte, deren Geist aber zu schwach und gehemmt war, um auf die alte Gesetzgebung eine neue folgen zu lassen. Die Tradition geht zeitlich auf ein allgemein gültiges Gesetz zurück, und darum ist für die geistige Situation der damaligen Judenheit nichts charakteristischer, als die Kodifikation des Rechts- und Religionslebens in Kommentaren, diesem Ersatz wirklicher Gesetzgebung. Der Religion gegenüber ist in der Zeit der Aufklärung Toleranz möglich und geboten. Denn wo die Religion zum Gesetz wird, da repräsentiert sie keine geschichtliche Macht mehr, die neue Besonderheiten zu zeugen oder zu belebeny vermöchte. Sie ist ungefährlich geworden. Nichts aber ist der Aufklärung