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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 469

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Moses Mendelssohn
Date
1919-01-01
Page
469 (sequence 5)
Language
German
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Moses Mendelssohn 469 So wenig aber auch die philosophischen Schriften Mendelssohns mit dem Werke Kants, seines Mitbewerbers um den akademischen Preis des Jahres 17^4) verglichen werden können, so sehr Mendelssohn sich ausschließlich in dem Rahmen der Leibniz-Wolfschen Philosophie hält, so bedeutend ist doch seine Leistung, wenn man sich vergegenwärtigt, daß jede Zeit nicht nur ihre Unheilssondern auch ihre Heilspropheten braucht, nicht nur die großen Unzeitgemäßen, die dem Verlangen des Geistes gegen ihre Zeit Ausdruck verleihen, sondern auch die kleinen Meister, die den geistigen Bedürfnissen der Zeit gleichfalls gerecht werden, freilich nicht dadurch, daß sie selbst wenigen auf neuen Wegen Führer werden, sondern dadurch, daß sie viele mit leichter Mühe glücklich werden lassen. Die Existenz der Seele war nicht eine Frage, an der die Geistigen der Zeit, oder auch nur die Intellektuellen allein verantwortlich sich mühten, es war die Frage des Volkes ebenso in Frankreich und England, wie in Deutschland, und ihre Lösung sehnsüchtiges Ziel religiöser Verzweiflung, So bedurfte es eines Wortes, das verehrungswürdige Sachlichkeit mit konkreter Deutlichkeit verband, das die großen Ideen der Zeit vermittelte und zugleich dem Mann aus dem Volk verständlich ward. Und wie einst in Alexandria der Weite griechischen Ideengehalts die Tiefe jüdischen Lebens sich verband, um ein Werk zu zeugen für die Menschheit, so wußte der jüdische Weise hier die Sehnsucht des gottsuchenden Herzens zu befriedigen, da es ihm gegeben war, das seelische Empfindungsleben seiner Ahnen in dem metaphysischen Erkenntnisprozeß Europas abzuklären und zu veredeln. Und wenn des Genius Werk seinen Wert in sich trägt, der Meister aber an dem Erfolge erkannt wird, den er sogleich zu ernten pflegt, so bezeugt die Hingebung, mit der der Phädon in der Welt gelesen wurde, mehr noch als sein Inhalt, daß Mendelssohn seine Zeit verstanden und zu ihr das rechte Wort gesprochen hatte. Das zeigte sich auch in dem interessanten und für das Aufklärungszeitalter so bezeichnenden Schriftwechsel, der sich bald nach Erscheinen des Phädon zwischen Lavater und Mendelssohn entwickelte. Die Antwort, die Mendelssohn dem plumpen Überredungsmanöver des Züricher Priesters zuteil werden ließ, und die dem Erbprinzen von Braunschweig die bewundernde Bemerkung abnötigte, daß Mendelssohn „mit so viel Takt und einem hohen Grade von Menschenliebe" gesprochen habe, diese Antwort zeigt uns Mendelssohn nicht allein als Meister des Lebens, als Beherrscher der Situation; sie bezeugt einerseits den Stolz und das unbeirrbare Vertrauen des Mannes auf seine eigene Nation, andererseits aber bereits den Einfluß des Rationalismus auf seine religiöse Grundüberzeugung, von der er Zeit seines Lebens „im Herzen** durchdrungen war. Trotz dieser hier offenbar noch vorliegenden irrationalen Einstellung zu der Gesamterscheinung des Judentums läßt die Methode, die er einschlägt, um das Festhalten an der Überlieferung vor sich und der Welt zu rechtfertigen, erkennen, wie sehr wir uns hier in einer Übergangszeit befinden und in welch hohem Maße Mendelssohn der Prophet des Überganges war. Seine Anschauung über das Judentum und sein Beharren im Glauben der Väter ist ihm das Resultat seiner Untersuchungen. „Das Resultat meiner Untersuchungen mochte sein, welches es wollte, sobald ich die Religion meiner Väter nicht für die wahre erkannte, so mußte ich sie verlassen.** Das bedeutet nicht Entwicklung im jüdischen Geist, Leben und Schaffen des Geistes überhaupt, sondern Reflexion und vernünftige Über-

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