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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 468

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Moses Mendelssohn
Date
1919-01-01
Page
468 (sequence 4)
Language
German
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468 Julius Levinsohn: dem Weimarer Seher das Licht der Welt erblickt hatte, klopfte, kaum vierzehnjährig, an die Tore Berlins. Seine Ausbildung bestand wesentlich in biblischem und talmudischem Wissen, das er seinem Lehrer, David Frankel, dem Rabbiner verdankte und das er unter dessen umsichtiger und fürsorgender Leitung in Berlin fortsetzte. Hier aber war der neue Geist bereits, auch unter den Juden, lebendig geworden, und Zamosc, der Talmudist, war es, der den Suchenden auf den ,,Führer der Verirrten" hinwies und ihm damit ein neues Feld vernünftigen Denkens erschloß. Ein Schritt weiter auf diesem Wege war die Bekanntschaft mit den Juden Kisch und Gumperz, die ihn in die allgemeine Philosophie und Mathematik einführten, insbesondere jedoch zum Erlernen der herrschenden europäischen Sprachen anregten. Vornehmlich lag ihm das Deutsche am Herzen, das er später mit Meisterschaft handhabte, zum Vorbild für die Deutschen selbst, die sich in eifriger Nachahmung des Franzosentums gefielen. Charakteristisch für Mendelssohns geistige Konstitution ist neben der außerordentlichen Energie, mit der er seine Studien betrieb, und die durch die Schwierigkeiten seiner materiellen Situation — er brachte es schließlich bis zum Buchhalter im Hause eines reichen Fabrikanten — eher erhöht als vermindert wurde, die Auswahl der Stoffe, die sein langsam und ständig fortschreitender Geist suchte. Neben Plato, Aristoteles und Cicero zog ihn Locke mächtig an, der englische Empirist, den die Leibniz-Wolfschen Lehren aus seinem Denken nie ganz zu verdrängen vermochten. Mendelssohn war weniger Eklektiker, als Synthetiker. Er nahm das Bestehende nicht wie Cicero nur auf, um es in ein System zu bringen, an dem nichts neu war als das System, er versuchte eine wirkliche, wenn auch nicht gedanklich-bewußte, so doch lebendig mitschwingende Verbindung, und sie gelang ihm, nicht durch einen neuen Gehalt, wohl aber durch den persönlichen Ton, den er allen seinen philosophischen Untersuchungen einzuhauchen wußte. Seine „Briefe, über die Empfindungen" (1750) lassen durchaus die straffe Systematik vermissen, die wir in den gleichzeitig (1750—1758) erschienenen epochemachenden ,,Aesthetica acromatica" Baumgartens vorfinden. Was anstelle dessen für Mendelssohns Art bezeichnend ist, das ist die Tendenz zur psychologisch-rnoralisierenden Darstellung und Vertiefung. Die Wirklichkeit und der Wille, die Gebiete der Philosophie für ihre Bedürfnisse flüssig zu machen, steht bei ihm durchaus im Vordergrund. Hier trifft sich in eigenartiger Weise die ererbte Konstitution jüdischer Geistesenergie mit den Ergebnissen der deutschen Aufklärung und des englischen Sensualismus. Aus der Mannigfaltigkeit aber dieser Verbindungslinien eine neue Einheit zu schaffen vermochte Mendelssohn nicht. Das blieb seinem großen Zeitgenossen vorbehalten, dessen Geist aus dem in sich gesunden und starken deutschen Volksorganismus zur Höhe des Genies emporstieg. Gleichwohl verstand es Mendelssohn, den rationalistischen Charakter seiner Zeit wie hier, so auch in seinen weiteren philosophischen Schriften, im „Phädon" (1767) und in den „Morgenstunden" (1785) in einer Weise zum Ausdruck zu bringen, die die Mitlebenden im höchsten Grade befriedigte. Nicht die Themen allein, die Unsterblichkeit der Seele dort, der Spinozismus in seinem Verhältnis zum Atheismus hier, übten auf die Zeit eine faszinierende Anziehungskraft; viel mehr noch war es die Form der Darstellung, die mit ihrem leise nachklingenden Sensualismus und einem stark betonten Ethizismus den Tendenzen des Jahrhunderts trefflich entgegenkam.

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