Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Hebraisierung des Volkes
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 461 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Hebraisierung des Volkes 461 Palästina, den Männern der nationalen Pflicht, die das eiserne Joch zu tragen haben, besagt dieser Ruf Bialiks viel, unendlich viel; nicht nur weil er Wort für Wort ihrem eigenen Rufe entspricht, der seit Jahren aus dem Lande her ertönt; nicht nur, weil er zum Wegesuchen zwingt, weil er eindringt und tiefgeht, so daß man ihn nicht überhören kann; weil er statt aus Überfeinerung und Blasiertheit aus fruchtbarer Selbstkritik und Gärung entstanden ist; — sondern weil er erklungen ist zu einer so bedeutsamen Stunde im Leben des Volkes, zu einer Stunde des Weltenbrands der Feindschaft von draußen und der mächtigen, nationalen, palästinensischen Erhebung von drinnen, zu einer Stunde, in der das ganze Volk von Erlösungshoffnung beseelt ist, in der die Wände zwischen Volk und Land bereits niedergerissen und an der Befreiung und Auferstehung nur noch die Zusammenfassung von Kraft und Willen zu fehlen scheinen; zu einer Stunde, wo das Band zwischen Individuum und Gesamtheit nicht mehr allein in den gemeinsamen Leiden des Galuth besteht, sondern auch in der gemeinsamen Arbeit an der Wiedergeburt; zu einer Stunde, die vom Volke Selbstorganisation erheischt für eine riesige nationale Gemeinschaft, für den Aufbau des Landes und die Rückwanderung des Galuth, eine Wanderung, die mit Zehntausenden beginnt und mit der Erlösung aus dem Galuth endet; und zu dieser Stunde erklingt dieser starke Aufruf aus dem Munde des Sängers der Nation zu einem Leben der Pflicht, zur Erfüllung des nationalen Gebots, „zu hebräischer Arbeit, hebräischer Sprache, hebräischem Denken*', zu einem Dienen, das die Freiheit der Nation verspricht, zur restlosen Beteiligung an der Arbeit der Erlösung — wie eine große Botschaft an das Volk, die sein Leben zu verjüngen bestimmt ist, die aus seinen tiefsten Tiefen die gewaltigen in seinem Können aufgespeicherten Kräfte hervorholt, klingt wie die Kunde, die Moscheh den Verschmachtenden brachte in der ägyptischen Sklaverei: ,,Gott hat Euer gedacht!" Die Frage der Wiedergeburt der Sprache ist eine Frage der Überzeugung und des Willens. Wir nähern uns einer neuen Zeit, in der das Bewußtsein der Völker wächst und ihr bewußter Wille in die Rechnung der geschichtsbildenden Faktoren eingestellt wird. Vorüber ist die Zeit, in der der Zionismus nur einen kleinen Bruchteil des Volkes in sich schloß und zu eng war, auch die Frage der hebräischen Sprache und Kultur zu umfassen. Der Zionismus, der bisher nur die Forderung der hebräischen Erziehung und Literatur bejahte, muß es nunmehr wagen, ein ganzes Verhältnis zur hebräischen Sprache und das Streben zu verlangen, der hebräischen Redesprache den ganzen privaten und öffentlichen Bereich des Zionisten zu unterstellen. Für große Teile der Zionisten, die schon längst, vielleicht schon in den Generationen der Eltern und Großeltern, den Jargon abgeworfen und die europäischen Sprachen angenommen haben, hört sich das Gebot der Rückkehr zu unsrer Sprache wie ein Gebot an, nicht nur mit der Absicht, sondern mit der Tat zum nationalen Leben zurückzukehren, und kann den zionistischen Eltern ein Panzer sein gegen die Assimilation bei der Jugend. Für die großen Volksteile des Orients: in Kaukasien, Persien, Türkei, Arabien, Ägypten, Nordafrika und den Balkanstaaten (etwa 2 Millionen im ganzen), denen der Ruf nach Zion und zum Hebräischen aus einer Glocke erklingen wird, wird er bedeuten: Wiedervereinigung der räumlich, sprachlich und in der Lebensweise getrennten Glieder mit der Nation, Beteiligung am Leben des jüdischen Volks und der ganzen Menschheit,