Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Hebraisierung des Volkes
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 460 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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460 S. Jabneeli: die Auferstehung unserer Sprache von selbst mit sich gebracht hätten. Letztere haben nur die Arbeit erleichtert, und selbst das nur teilweise* Dennoch haben wir es, trotz der jahrzehntelangen harten Arbeit, nur zu geringen Erfolgen gebracht. Wir müssen aber bedenken, daß die Hebräisch-Sprechenden auch in Palästina bis heute — abgesehen von den Arbeitergenossenschaften — von fremdsprachiger Atmosphäre in Stadt und Land umgeben sind; wir werden dann einsehen, daß wir auch im Galuth sehr ansehnliche Resultate erzielen würden, wenn dieselben oder ähnliche dem Gedanken der hebräischen Renaissance ergebene Arbeiter dort in der gleichen Weise tätig wären. Solange das jüdische Volk besteht, hat es stets ein Heiligtum gehabt als Zentrum des nationalen Lebens. In der Wüste hatte es das Stiftszelt und die Bundestafeln, im Lande den Tempel, im Galuth Thora und Gebote. Das Stiftszelt unserer Zeit ist die Sehnsucht nach der Erlösung aus dem Galuth und nach der Auferstehung unsrer Sprache! Die Sehnsucht und die Liebe, die im Volksherzen ruhen, müssen aber zur Pflicht werden, die ein wesentliches Ziel seines Willens bildet. Im Laufe der Jahre müssen wir ganz allmählich unsre bisherigen Sprachen lassen und zu der vergessenen hebräischen Sprache zurückkehren. Nicht aus den Quellen eines äußern Gesetzes soll die hebräische Rede entspringen, sondern aus tiefem Drang und innerem, von der Liebe geborenem Pflichtgefühl, — aus dem Geheiß des Herzens. Dank dem nationalen Gesetz, dem Tadel, der prophetischen Predigt, dem Befehle konnte unser Volk den Weg seines ganzen historischen Lebens zurücklegen. Im Anfang war der „Mann Gottes" der Tadler, der Priester und der Prophet, dann war es der Thoragelehrte; der Rabbiner und Schriftsteller ist es in der Gegenwart. Eine Kette von Geistesgrößen, zentralen Persönlichkeiten, sprang immer wieder in die Bresche, von der Zeit der Kristallisation der jüdischen Stämme bis auf das jüngste Geschlecht, um mit Rat und Tat über dem Bestand des Volkes zu wachen, erfüllt von dem göttlichen Geist, der sie beseelte. In der jüngsten Zeit haben wir Bialiks Stimme in „Halacha und Aggada"*) vernommen. Diesen Aufsatz können wir als ein großes nationales Ereignis ansehen, das seine Wirkung ausüben wird auf alles, was in der jüdischen Welt im Vordergrund des Interesses steht. Bialik, der „Mathmid" der Nation, hat, nun schon vor Jahren, den Palast seiner Muse verlassen, um dem Frondienst seines Volks zuzuschauen, und hat sich gegürtet, ihm aufzuhelfen. Indem er seine gesegnete Arbeit verrichtet, indem er dem Volk eine neue Bibel und Aggada bereitet, lebt er selbst das Leben des Jochs und der Tätigkeit mit, das Leben „der Blume, die ihre Frucht reift". Ist er doch ausgezogen, um von dem ganzen Volk, vor allem aber von seinen Schriftstellern, ein Leben der Halacha zu verlangen, das doch zugleich der Aggada gehört. Darin, daß er unsere Literatur nicht mehr nach der künstlerischen Fähigkeit einschätzt, die sich in ihr offenbart, sondern nach der Antwort, die sie auf .die Lebensfragen des Menschen gibt, und nach dem Maße, in dem sie die Willenskraft der Zeit beeinflußt, ist ein Anfang zu erblicken zur Fortspinnung des Lebensfadens des Volkes, ein Scheideweg, von dem ein Ausweg führt zur breiten Straße, zur schöpferischen Arbeit am Volke und im Volke. Den hebräischen Arbeitern in *) S. Heft 1/2 dieses Jahrgangs, S. 6iff. (Anm. d. Red.)