Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Hebraisierung des Volkes
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 459 (sequence 14)
- Language
- German
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Die Hebraisierung des Volkes 459 unsrer Zeit zu umfassen. Fremde Weiden soll der Jude nur zum Zweck bestimmter Spezialforschungen betreten, wie es Fachleute bei allen Völkern tun. Eine hebräische wissenschaftliche Literatur soll allen Juden aller Länder zugleich zur Verfügung stehen. Die allgemeine Bildung der Juden wird so zu einem der Faktoren werden, die die Juden aller Länder und Sprachen einigen, anstatt daß sie, wie bisher, einen trennenden Faktor bildet* Systemwechsel ist nötig. Nicht soll die hebräische Literatur die Stütze unsrer Sprache sein, sondern unsere Sprache Grundlage unserer Literatur. Und wenn wir die Erhaltung der letzteren wollen, so müssen wir viel mehr — vielleicht zu allererst — für die erstere sorgen. Die Worte Brenners müssen verbessert werden: MOhne Sprache keine Literatur. Hebräisch als die im Volke gesprochene Sprache (in allen Enden des Galuth und anstelle der zahlreichen Jargondialekte) und eine hebräische Literatur, die das Ganze zusammenhält." 4- Der Gedanke der nationalen Auferstehung, in dem nicht nur der Zionismus in dem konkreten Sinn der Übersiedlung der jüdischen Massen nach Palästina inbegriffen ist, sondern auch der höhere geistige Nationalismus, verlangt notwendig die Auferstehung unserer Sprache. Die Pflicht des Hebräisch-Redens muß vom Volke mit derselben Gewalt und demselben Ungestüm verlangt und übernommen werden, wie die Pflicht der Beteiligung an der Bildung der gesicherten Heimstätte in Palästina. Der Nationaljude der Diaspora muß, gleichviel ob er daran denkt, in naher Zukunft nach Palästina zu ziehen oder nicht, die hebräische Sprache in sein Haus einführen, als seine und seiner Familie Muttersprache. Es darf nicht länger mehrere Sorten Juden auf der Welt geben, statt der einen Sorte des hebräisch redenden Juden. Der Jude schlechtweg — Russe wie Amerikaner, Deutscher, Spaniole — hat hebräisch zu reden. Der Ruf: „Hebräer, redet hebräisch" muß zu jedem jüdischen Mann in den Gassen des russischen, europäischen, orientalischen und amerikanischen Galuth dringen. Es ist ein Ruf zur Pflicht und ein Tadel für das jüdische Volk. So wenig die jüdische Religion von der Bibel bis zum Schulchan Aruch ohne Thora auskommen konnte, so wenig kann es der jüdische Nationalismus ohne hebräische Sprache. Die Bewegung, die in den letzten Jahren im Volke aufkam: das Erstarken und die Ausbreitung des „Palästinismus" und deren verschiedene Erscheinungsformen, wie die Demonstration von Hunderttausenden von Juden vor dem Hause des englischen Konsuls in Odessa, der Palästinakongreß von 2/4 Million jüdischen Arbeitern in Amerika, die Palästinabeschlüsse auf den jüdischen Kongressen in Amerika, Kanada, Ukraine, Polen, Tschechien, — all das kann nur ein äußerer Ausdruck der tiefen und aufrichtigen historischen Sehnsucht sein, die das Volk im innersten Winkel seiner Seele während seiner langen, schicksalsreichen Vergangenheit getragen hat. Auch in den Beziehungen zur hebräischen Sprache wird der Tag kommen, an dem das jüdische Volk öffentlich seinen Willen ausspricht, zu ihr zurückzukehren und sie sich zurückzuholen im Gefühl des Nationalstolzes auf die Sprache, die es vor vielen Jahrtausenden geschaffen und bis auf den heutigen Tag lebendig erhalten hat. Die Blüten der Renaissance der hebräischen Sprache in Palästina sind nur dank ihren großen Vorkämpfern aufgegangen, die ihr den Boden mit Fleiß und Erfolg gepflügt haben, nicht etwa, weil die äußeren Bedingungen im Lande