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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 458

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Die Hebraisierung des Volkes
Date
1919-01-01
Page
458 (sequence 13)
Language
German
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458 S. Jabneeli: stellern die Existenz sichern, sondern nur dadurch, daß sich unser Volk unsere Sprache aneignet, d. h. durch die Schaffung der objektiven Möglichkeit, die schöpferischen Kräfte des Volkes aus seinen tiefsten Schichten hervorquellen zu lassen, aus Schichten, die vom wirklichen, durch unsere Nationalsprache filtrierten Leben durchtränkt sind. Die öffentliche Anzeige des Verlags „Kadimah" in Amerika postuliert: ,Jeder Jude ist verpflichtet, ein hebräisches Buch in seinem Hause zu beherbergen." Diese Pflicht verkünden die Erbauer unsrer Literatur seit den Tagen des „Achiassaf". Zwei Typen von Liebhabern unsrer Literatur gibt es bei uns: Leser und Käufer. Daher ist es bis heute das Ziel literarischer Tätigkeit, sie beide zu vermehren. Da es kein wirkliches lebenskräftiges Band zwischen dem Schriftsteller und dem Leser gibt, da die hebräische Literatur kein leuchtender, mächtiger Wegweiser ist, der, vom Leser bestellt, sein Berater in den Wechselfällen des Leben sei, im Hause wie in der Öffentlichkeit; da man keine Frage an sie stellt und keine Antwort von ihr erwartet, — müssen die Meister unserer Literatur die geräumigen Hallen verlassen und in einer der kleinen Seitenkammern in der Seele des Juden unterschlüpfen und ihn bitten, sich zu erinnern, daß er Jude und deshalb verpflichtet ist, ein hebräisches Buch zu erwerben, damit hebräische Buchstaben in seinem Hause zu sehen sind. Anders als die ersten Bücherverlage „Achiassaf* und „Tuschijah", bei denen sich wenigstens der Schatten eines Bandes zwischen Baumeister und Gemeinde bewahrt hatte, dadurch, daß die Gemeinde (ich wage gar nicht zu sagen: das Volk) sich mit Anteilen am Verlag und durch Subskriptionen beteiligte, stützen sich die neueren Verlage im wesentlichen auf die Geldquellen Privater. Jede Kunde von einem neuen literarischen Unternehmen enthält ausdrücklich oder stillschweigend den Namen eines Privatmanns, der von vornherein seine — des Unternehmens — Existenz sichert. So war es bei „Ssinai", „Achissefer", „Ssifruth", so war es bei der Gründung des „Kedem", der „Tarbuth", und so erscheinen jetzt die Ausgaben Stybels und „K'ncsseth" in Amerika. Allerdings löst das jüdische Mäzenatentum, das unsere Literatur enthält, bei uns den größten Respekt aus, und wir wünschen ihm die besten Erfolge. Aber daß es die einzige Sicherung unsrer Schriftsteller und unsrer Literatur ist, gibt zu ernsten Gedanken Anlaß und erscheint uns recht unerfreulich. All die Anstrengungen unsrer Literatur, um jeden Preis zu blühen, beweisen, daß die Kraft des Lebens noch in uns brodelt. Aber sie gleichen den Wirkungen der Gewaltmittel, die man dem Schwerkranken gibt. Sie erinnern nicht gerade an die Speise, von der sich ein Gesunder nährt. Anstatt nun die kranke Pflanze selbst zu pflegen, zu stützen und zu beschneiden, haben wir den Boden, in dem sie steht, zu meliorisieren: ihn zu düngen, zu entsteinen und zu bewässsrn — erst dann wird sie gedeihen. Heute kann die Religion nicht als geistiges Zentrum des jüdischen Volkes so viel Licht ausstrahlen, als erforderlich ist, um aus der aufgespeicherten Energie genügend Kraft für die Erhaltung des ganzen Volks zu erzeugen. Das kann hur das konkrete Zentrum und die wirkliche Sammlung der Diespora. Ebensowenig kann unsere Literatur mit ihrem Licht die Volksseele speisen, ohne daß die Sprache im Volke auflebt. Um unsere Literatur zum Blühen zu bringen, haben wir unsre Sprache zu verlebendigen. Nur unter dieser Bedingung kann unsre Literatur in den Stand gesetzt werden, den allgemeinen und den kulturellen Lebensinhalt des Juden und Menschen

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