Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Hebraisierung des Volkes
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 457 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101160-3104924--3601-3104959- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Hebraisierung des Volkes 457 gißt inzwischen der Jude die Thorah und ihre Sprache. Wie es um die Kenntnis unserer Sprache bei dem jungen Geschlecht in Amerika steht, schildert uns jemand, der den dortigen Stand der hebräischen Erziehung studiert hat (I. Kanowitz im Almanach „Achieber" 1918, Neuyork). Im ganzen erhalten in Amerika eine stärkere oder schwächere hebräische Erziehung von allen Kindern — 28 Prozent. Die übrigen 72 Prozent werden uns von klein auf entfremdet, sie hören nicht das geringste von jüdischer Geschichte, Judentum und Religion. Auch das einfache jüdische Haus, das im großen ganzen zur orthodoxen Schicht zu rechnen ist (obwohl an Sabbat und Feiertagen gearbeitet werden muß), hat allmählich den hebräischen Geist verloren, es hat nicht mehr die Kraft, das Kinderherz anzuziehen, in ihm Liebe und Respekt vor seinem Volk und seiner Religion zu erwecken. — Nur ein Teil der jüdischen Kinder erhält irgend welche jüdische Erziehung, die meisten aber kennen nicht einmal das Aleph-Beth. Eine wesentlich jüdische Erziehung erhalten 10 Prozent In England, Westeuropa und auf dem Orient, in der Wirkungssphäre der „Alliance", ist der Zustand nicht viel besser. Auch inRußland verlernt bereits ein Teil der jüdischen Kinder alles bis auf das Aleph-Beth, wenn er ein bestimmtes Alter erreicht. Zehntausende kennen heute nicht die Bibel, die Gebete, die hebräische Schrift. Die Bundestafeln, die Moscheh seinem Volke brachte, waren von einer Seite zur andern von Gottes Hand mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer graviert; das Mem und Ssamech auf diesen Tafeln hielt sich durch ein Wunder in der Luft schwebend. Alles war vollkommen durchgedacht, Zweifel und Kompromisse hatten keinen Raum. Was für den Verstand zu hoch war, wurde durch das Vertrauen und den Glauben an das Wunder in den Bereich der Möglichkeit gezogen. Auch auf die Figur von zwei Buchstaben wollte die Phantasie des Volkes nicht verzichten, daß sie etwa regelwidrig geschrieben sein sollten. Jetzt aber verzichtet das jüdische Volk auf die ganze Thora und auf alle 22 Buchstaben. Dreifach hat die hebräische Literatur um ihre Existenz zu kämpfen: sie hat den hebräischen Schriftsteller zu pflegen und zu stützen, dem hebräischen Buch den Wertstempel aufzudrücken und den Wohltätigkeitssinn freigebiger Mäzene wahrzunehmen. An diese Strohhalme klammert sich die versinkende Literatur. „Auf, erwecken wir den hebräischen Schriftsteller!" so ertönt das Klagelied Frischmanns, eines der großen Baumeister unsrer Literatur, der seit Jahren unermüdlich für sie arbeitet, ,,laßt ihn in Ruhe arbeiten: nehmt ihm die Sorge ums tägliche Brot. Gebt uns zusammen eine Million, wir werden dann die Gebäude der hebräischen Literatur errichten, wir werden Schriftsteller, Schöpfer, Bildner, originale Künstler werden. Und wir werden so Leser schaffen und Hebräer." Dieser Gedankengang, daß der Schriftsteller uns den Leser geben wird, ist unrichtig. Viel eher kann die Herstellung vielseitiger Beziehungen und starker Bande zwischen Volk und Sprache die Literatur in die Höhe bringen, als Bücher das Volk mit einer Literatur verbinden können, die keine der dringendsten Lebensfragen beantwortet. Die Liebe des jüdischen Volkes zu seiner Sprache und Literatur kann durch das volksfremde hebräische Buch nicht entzündet werden. Eine gesunde hebräische Literatur muß aber dem Volke ein Bedürfnis sein, das sich in hohem Maß geltend macht, wenn es in seiner Sprache lebt und redet. Nur der dürstende, gespannte Leser kann das Buch schaffen und den Schriftsteller erstehen lassen. Originale Künstler können wir nicht dadurch hervorbringen, daß wir den jüdischen Schrift-