Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Hebraisierung des Volkes
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 456 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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456 S. Jabneeli: Zehntausend verbunden ist, — jetzt ist unsere Sprache keine lebendige, keine Volkssprache mehr. Solange nun das Leben unsrer Sprache mit "dem religiösen Leben des Volkes verknüpft war, solange war ihr Fundament stark und ihr Fortbestehen gesichert. Jetzt aber, wo der Knoten zwischen Sprache und Volk in der hebräischen Literatur und dem hebräischen Buch besteht, müssen wir den Haken untersuchen, an dem er hängt: ob er, fest ist oder schwach. Eine Würdigung des Zustands unsrer Literatur, in bezug auf ihre Verbreitung im Volk, ist auf der letzten Konferenz für hebräische Sprache und Literatur im Jahre 1913 von Frischmann und S. Tschernowitz gegeben worden. „Von den Gedichten J. L. Gordons werden im Jahr 18 Exemplare verkauft. Die „Hebräische Bibliothek" hatte zu Anfang 3500 Abonnenten und zum Schluß — 500. Von ihrem 8. Heft wurden noch 10000 Exemplare verkauft, jetzt nur 100 Sätze im Jahr. Die „Große Bibliothek" begann mit 500 Exemplaren und endete mit 100. Überhaupt kann man von einem neuen Buch, das jetzt gedruckt wird, nur höchstens 3—400 Exemplare verkaufen. Von Jugendschriften werden nur die der ersten Stufe abgesetzt, d.h.: die für Kinder bis zum 10. Lebensjahr bestimmten, weil die Eltern dann noch Gewalt über ihre Kinder haben und sie zu dieser Lektüre zwingen, während die für ältere Kinder bestimmten fast gar keinen Absatz finden. Und das ist das furchtbarste Anzeichen dafür, daß die nächste Generation trotz aller Versprechungen, die man uns macht, ohne die Kenntnis der hebräischen Sprache erzogen wird. Die meisten Bücher, die bei uns verkauft werden, sind gerade theoretisierende Bücher, die mehr oder weniger ins Gebiet der „Wissenschaft des Judentums" fallen. Und diese Erscheinung, die uns zu anderer Zeit höchst erfreulich wäre, weil sie uns zeigt, daß das Herz unsres Volkes nicht wertlosen und seichten Dingen gehört, diese Erscheinung ist in diesem Moment geradezu fürchterlich, weil . sie das deutlichste Zeichen dafür ist, daß unsere paar Bücherkäufer bejahrte Männer sind und nicht die Jugend." Und Frischmann fügt hinzu: „Versuchen Sie nur einmal, sich unsere Kinder nach 30 oder 50 Jahren vorzustellen. Diese Kinder, die nur die Schulbücher lesen, die für Kinder bis zu 10 Jahren bestimmt sind und dann nichts mehr — und auch das wenige bald vergessen haben — was werden wir und unsere Träume ihnen sein?" S. Tschernowitz hat viel Material zur Frage des hebräischen Büchermarktes gesammelt und in der Konferenz über dies Thema Bericht erstattet. Unter anderm sagte er: „In demselben Maß, in dem die Altersstufe zunimmt, für die ein Lehrbuch bestimmt ist, nimmt dessen Verbreitung ab, weil die Kinder die Schule nur höchstens 3 Jahre lang besuchen; dann kommen sie in die allgemeine Schule und vergessen alles wieder, was sie wie ein Gabelfrühstück auf einem Fuße stehend zu sich genommen haben." Er bringt dann folgende Zahlen: „Die Schriften Perez* und Frischmanns werden jährlich 200 mal verkauft, die Berdyczewskis 40omal und „Am Scheidewege" iooomal, „Mikkän u-mikkän" 7oomal; die Jargonpresse ist dagegen in 200000 Exemplaren täglich verbreitet und wird von einer Million gelesen." Das ist die Gewalt, mit der sich unsere hebräische Literatur im Volke verbreitet. Aber wie die Wiedergeburt unserer Sprache in Palästina, die nur von einigen Tausend hebräisch Redenden getragen ist, uns blendet, so daß wir sie nicht richtig einschätzen können, so sehen wir in unsrer übergroßen Liebe zu unserer Literatur nicht die^ Enge ihres Wirkungskreises im Volke. Und während wir auf den Traum unsrer Wiedergeburt lauschen, ver-