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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 455

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Die Hebraisierung des Volkes
Date
1919-01-01
Page
455 (sequence 10)
Language
German
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Die Hebraisierung des Volkes 455 eines Volks, das Jargon und andere Sprachen spricht. Aber man fragt sich verwundert: Ist es denn denkbar? Kann eine Volksliteratur leben und auf das Volk wirken, ohne daß das Volk ihre Sprache spricht? Woher sollen dieser Literatur die Schriftsteller erstehen, wer wird sie lesen, was wird sie behandeln und zum Gegenstand haben? Und selbst wenn man ihr Hunderte von Schriftstellern und Tausende von Lesern verspricht, wird nicht trotzdem das ganze Volk in seinen Myriaden sich seine eigene lebenskräftige Literatur schaffen, die ihm alle Lebensfragen in der von ihm gesprochenen und ihm verständlichen Sprache beantwortet? Und wird die hebräische Literatur nicht wieder zu einer ,,Wissenschaft des Judentums" werden, die in dicke Folianten gestopft und in den Hallen der Bibliotheken und Hochschulen begraben wird? Oder soll vielleicht jedes hebräische Buch und jeder hebräische Schreiber seinen „Sprecher" aufs Rednerpult mitbringen, um verständlich zu sein, wie in den Tagen der Mischna und Gemara? Niemals haben die Volksmassen der Diaspora hebräisch geredet, und selbst als sie noch in Palästina saßen, gab es Zeiten und Landstriche, denen die hebräische Sprache nicht geläufig war, und trotzdem hat sie sich im Volk bis auf den heutigen Tag erhalten. Warum dann heute verzagen? Richtig ist, daß die hebräische Sprache im Galuth nicht die gesprochene Sprache des Volkes war, dafür war sie aber die Sprache seines geistigen Lebens, seiner keligion. Das Band zwischen dem Juden im Galuth und seiner hebräischen Sprache war ein höheres als das zwischen einem andern Volk und seiner Redesprache. Sie war die Sprache seiner Religion, und als solche umkleidete sie sein ganzes Leben, von der Geburt an, wenn man ihn in der Synagoge einsegnete, bis zum Tode, wenn das Kaddischgebet an seiner Bahre ertönte; sie war seine Sprache, in der er zu lernen begann, sobald er sprechen konnte, in der er seine ganze Jugend hindurch dachte, in der er zu festbestimmten Zeiten sein Lebenlang Thorastudien trieb. In dieser seiner Sprache betete er, in ihr hatte er seine 101 Segenssprüche jeden Tag zu sagen. Sie war seine Handelssprache: in ihr schrieb er seine Schuldscheine, schloß er seine Verträge, entschied er seine Prozesse. Keinen Winkel gab es im Leben des Juden, in der seine hebräische Sprache nicht herrschte. Sie war eine lebendige Sprache im jüdischen Volke. Ja noch mehr; nachdem das Hebräische die Religionssprache des Juden war, war sie auch seine heilige Sprache, Erhabenheit und Heiligkeit nahmen den vornehmsten Platz im Leben des Juden ein. Das konkrete tägliche Leben war nur eine Beigabe zum Leben der Heiligkeit, ein Vorraum, der in den Saal führte. Und die Sprache des täglichen Lebens — die Jargon-Dialekte: Aramäisch, Arabisch, Spaniolisch, Französisch- und schließlich Deutsch-Jüdisch — stand in seinen Augen der hebräischen Sprache wie eine Magd der Herrin gegenüber. D.h.: das Band zwischen dem jüdischen Volke und dem Hebräischen in der nahen und fernen Vergangenheit wurde gestützt durch starke psychische und geistige Kräfte religiöser und folkloristischer Art, die im geistigen Leben des Volks zu allen Zeiten herrschend waren. Jetzt, wo die ganze Sachlage sich verändert hat, wo das Leben des Volkes in der Hauptsache ein profanes Leben ist — ein Leben, in dem der Mensch alle möglichen Beziehungen zu sich selbst hat und ganz wenige zu den religiösen Begriffen, wo die hebräische Literatur für den religiösen Teil im Volke nicht mehr das Banner der Religion trägt und auch nicht für den andern Teil aus dem profanen Leben hervorquillt, wo sie nur noch einigen

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