Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Hebraisierung des Volkes
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 454 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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454 S. Jabneeli: sich in Israel erhalten hätte ohne die Stunde zwischen Mincha und Maariw, in der das ganze Volk sich mit der Thora beschäftigte! Heute tritt das geistige Leben des Volkes in anderer Form in Erscheinung, ungeahnte Stätten hat es gefunden. Bestimmte Zeiten gehören dem Geistesleben des Menschen: Früher die Stunde für das Mussar- und Aggada-Buch und die Stunde der politischen Unterhaltung — heute die Stunde der hastigen Lektüre der Tageszeitung und des Verlangens, von der Bühne her die menschliche Stimme ertönen zu hören. Und wenn der hebräische Lehrer die hebräische Sprache — ganz langsam und mit unendlicher Mühe - in die Schule einführen kann, — in Haus und Familie kann sie nur auf dem Wege über die modernen Formen unserer Zeit eindringen. Nach Millionen zählen die Leser der Tagespresse, nach vielen Tausenden die Theaterbesucher. Hier regt sich das Leben des Volkes, der Masse. Und die Sprache dieses Lebens soll das Hebräische werden. Hebräische Tageszeitungen müssen — und zwar auf ein Mal — in allen alten und neuen Großstaaten Europas gegründet werden, in den Zentren des Judentums im Osten, in Erez Israel, in Amerika. Desgleichen hebräische Theater. Wie die eine Schwalbe, auch wenn sie noch keinen Sommer macht, so begrüßen wir die Nachrichten von den Versuchen zur Gründung einer hebräischen Bühne in Warschau, Moskau und Neuyork. Doch auch hier ist nicht die Tätigkeit weniger erwünscht. Vielmehr müssen hebräische Schauspielertruppen zu gleicher Zeit in den bedeutenden jüdischen Zentren gegründet werden: In Warschau, Odessa, Moskau, Berditschew, Wilna, Lemberg, Wien, Berlin, Paris, London, Neuyork, Chikago, Tiflis, Saloniki, Erez Israel, Bagdad. Die Tatsache, daß die früheren hebräischen Tageszeitungen nicht bestehen konnten, während die Jargonzeitungen in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet wurden, die Tatsache, daß die Versuche zur Gründung eines hebräischen Theaters einen einfach unmöglichen Kräfteaufwand erforderten, während die fremdsprachigen Theater das jüdische Publikum nicht fassen können, beweisen zur Genüge, wie furchtbar weit entfernt unser Volk von seiner Sprache ist; doch zugleich zeigen sie uns die Stufe, die der Kräfteaufwand und die Anstrengung des Volkes für unsere Sprache erreichen muß. Die 60—70 hebräischen Seminare müssen Kulturzentren werden, um die eine Sphäre sich bildet, in der hebräisch gesprochen und gedacht wird. Die hebräischen Tageszeitungen, die mit besonderen Mitteln zu sichern sind, damit sie bestehen t^nd so billig verkauft werden können, daß ihnen auch die Türen der Ärmsten offen stehen, müssen dem Volke tagtäglich das lebendige hebräische Wort bringen und den hebräischen Leser und Käufer zu sich und den hebräischen Ausgaben anziehen, die als Gratisbeilagen für die Abonnenten ihnen beigegeben werden. Die hebräischen Theater, die ebenfalls finanzielle Sicherstellung verlangen, müssen die hebräische Rede beleben und im Volke die Quellen der Dichtung und Kunst hervorsprudeln lassen. 3. xIn Brenners ,,Mikkän u-mikkän" löst der Held die jüdische Frage folgendermaßen: „Nicht ein Zentrum in Palästina, sondern mehrere Zentren in Palästina und im Galuth. Eine hebräische Literatur, die ein Bindeglied zwischen allen bildet. Jargon als gesprochene Sprache im Volk. In Palästina — hebräisch so weit als möglich." Er setzt die Möglichkeit eines perplexen Bandes zwischen Volk und Sprache voraus: einer hebräischen Literatur als Schöpfung