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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 448

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Die Hebraisierung des Volkes
Date
1919-01-01
Page
448 (sequence 3)
Language
German
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448 S. Jabneeli: tiven, wegweisenden Zentrum dienen. Die jüdische Gemeinschaft in Palästina steht keinesfalls schon auf einer solchen nationalen (auch nicht nationalen), sozialen, ethischen und kulturellen Höhe, daß sie der Diaspora leuchten könnte. Die zionistische Bewegung wird von den Kräften gespeist, die in den nationalen und zionistischen Kreisen der ganzen, Palästina einschließenden Zerstreuung Israels sich entwickeln. Palästina ist das Betätigungsfeld dieser Kräfte (gehört allerdings auch zu den Faktoren, die dieselben im Volke erzeugen) und ist letzten Endes von ihnen abhängig. Die Wirkung enthält nichts, als was das Wirkende enthielt, der Becher Meerwasser muß den Geschmack des Wassers im Meere haben, in Palästina gibt es nichts, was nicht in der Kraft der nationalen — und zionistischen — Bewegung der Diaspora zu finden ist. Kein Zentrum ist also zur Zeit Palästina, vielmehr ein Sammelbecken für die nationale Tätigkeit. In unserem Irrtum wollen wir Sonnenwärme in* den Schatten des Baumes bringen, der erst gestern gesetzt ist und seinen Stamm noch nicht recht entfalten kann. Wir reden vom Einfluß Palästinas auf das Galuth und von schöpferischen Regungen bei uns. Aber kein originales Volkslied, keine Melodie ist während der ganzen Jahre in diesem Zentrum, in Palästina, entstanden, und konnte nicht entstehen! Und brauchte nicht zu entstehen! Wir brauchen keine vorzeitigen Früchte, in deren Kern der Keim der Fäulnis steckt und die nur von der Krankheit der zarten Pflanze zeugen. Befreien wir doch Erez Israel von der Pflicht des „Schaffens", von der Pflicht der Ausstrahlung vom Zentrum nach der Peripherie und von der — unfruchtbaren, zur Unehrlichkeit führenden — Anstrengung, der Diaspora hebräische Lehrer, hebräische Spiele, hebräische Sprache zu besorgen. Verpflichten wir anstatt dessen die Diaspora, selbst für sich zu schaffen. Unser Acker in Palästina wird ja erst gedüngt und gepflügt, und wer ihn betritt, merkt zur Stunde dort nichts als den aus jeder Furche aufsteigenden Staubdunst. Manchmal glauben wir, wenn wir den oder jenen von den großen jüdischen Dichtern und Schriftstellern nach Palästina brächten, könnte dort das Zentrum für das Galuth entstehen. Aber wir vergessen dann, daß wir uns mit diesen Männern noch nicht ihre glückliche Wirksamkeit und den richtigen Ausdruck ihrer schöpferischen Kräfte gesichert haben. Über die Aussichten auf ursprüngliche Schöpfungen im Lande kann man eigentlich nur in Verbindung mit der Frage der wirtschaftlich-sozialen Schöpfung reden. Nach Jahrtausenden des geistigen Fortschrittes, nach dem Abschluß einer Epoche von Genies freut sich der Mensch darauf, alle seine Kräfte für den Kampf um das Recht aufs tägliche Brot verwerten zu können. Und die stärkste Anstrengung der Menschheit während der letzten Generation gehörte (abgesehen vom Kriege) der Sphäre der sozialen Schöpfung an: auf friedlichem Wege bei den Versuchen mit neuen Staats- und Gesellschaftsordnungen in Australien, Neuseeland und einzelnen Staaten Amerikas; im blutigen Kampf inmitten der zwei an Kraft und Volkszahl mächtigsten Völker Europas; und im unblutigen Kampfe — bei dem Ringen der Arbeiterparteien in allen großen Völkern der Welt. Heutzutage gilt das Sehnen der Völker nicht der Erleuchtung aus höheren Regionen, jetzt kämpfen sie nur um das Recht, durch freie Arbeit satt zu werden. Große Strategen in diesem Krieg hat das jüdische Volk hervorgebracht, seit den ersten Kämpfern des Gedankens, Hess, Marx und Lassalle, bis auf die Helden des Schwertes in Rußland und Deutschland. Die Blüte unseres Volkes hat sich auch beim Aufbau Palästinas für

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