Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Hebraisierung des Volkes
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 447 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Hebraisierung des Volkes 447 zu treten. Jetzt, wo die Zeit des Aufbaus der Ruinen beginnt, sollte auch diese Organisation sich erneuern und zu der zentralen Kraft werden, die in der ganzen Welt systematisch und unablässig die große kulturelle Arbeit verrichtet. Solange es im Galuth jüdische Gemeinden gibt, obliegt ihnen die Fortführung der kulturell-nationalen Arbeit und die Errichtung der dafür nötigen Institute. Das Galuth kann seine Pflicht nicht dadurch für erfüllt erachten, was in Palästina geschieht. Heute kann Palästina noch kein national-kulturelles Zentrum des Galuth sein. Festes Fundament der kulturellen Arbeit muß das Streben werden, 0as Hebräisch-Sprechen im ganzen Volk, soweit das Galuth reicht, wiederzubeleben und so unsere Nationalsprache zur Volkssprache zu machen. Die Renaissance unserer Sprache im Galuth sichert auf der einen Seite den Bestand und die gesunde Entwicklung der hebräischen Literatur; auf der anderen Seite basiert auf ihr der erste Sieg der hebräischen Rede in Palästina. i. Der Zionismus Herzls hat auf seine Fahne geschrieben: die Errichtung einer gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk im Lande Israel. Doch es gibt noch einen anderen Zionismus, der die Bildung eines Zentrums in Palästina für die Diaspora erstrebt. Während nun über den Begriff der Heimstätte ein Irrtum unmöglich ist, während man sie nicht für existent halten kann, bevor sie tatsächlich geschaffen ist: bevor Erez Israel das jüdische Volk beheimatet — läßt der Begriff des Zentrums mitsamt der in ihm enthaltenen Hoffnung auf „eine Leuchte für das Galuth" (und für die ganze Menschheit) stets den verfehlten Gedanken entstehen, als könnte man ein solches Zentrum durch dieses oder jenes Werk verwirklichen, ja er führt soweit, daß man dies Zentrum für vorhanden hält, bevor es zur Welt gekommen ist. Dieser Irrtum gibt einer angenehmen Selbsttäuschung Raum, mittels deren viele Palästinenser und Galuth-Zionisten die Volksseele durch Erdichtungen und Wahngebilde aus dem Leben Erez Israels in falscher Hoffnung wiegen; derselbe Irrtum gab schon vor 20 Jahren Achad Haam die Wage, auf der die Gründung einer Akademie in Jerusalem 100 Kolonien in Palästina aufwog; er läßt Ussischkin heute eine Schule in Kastanie so und so vielen Anstalten in der Diaspora gleichwertig erscheinen; er ist es endlich, der die Jugend der Renaissance reizt, unsere Atmosphäre mit den Bazillen eines hirnverbrannten Selbstlobs zu vergiften, das das Volk blenden muß. Es gibt nur ein Zentrum, an dem die Augen des ganzen Volkes hangen — das ist Erez Israel, unser Land, die Wiege unserer Väter; ihm sind wir entrissen, nach ihm sehnt sich geschlechterlang unser Volk, seine Trümmer liebkoste Rabbi Jehuda ha-Levi, nach ihm wollte Rabbi Israel Baal-Schem-Tow durchbrechen (um Israel den Messias zu bringen); von seinem Staub eine Handvoll versüßt bis auf den heutigen Tag seinen Kindern die letzten Augenblicke, wenn es ihnen nicht vergönnt ist, in heimatlicher Erde ihr Grab zu finden; nach ihm wandern Scharen seiner Söhne in der letzten Generation Jahr für Jahr, „ihm zu dienen und es zu behüten"; in ihm eine Zuflucht vor dem Grauen des Galuth zu finden, ist heute der letzte Ausblick von Myriaden seines Volkes. Außer diesem wahren, in jedem jüdischen Herzen lebendigen Zentrum kann nichts von allem, was in Palästina bis heute geschaffen ist und in den kommenden Jahren geschaffen werden wird, zum ausstrahlenden, posi-