Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Vom orientalischen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 445 (sequence 13)
- Language
- German
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Vom orientalischen Judentum 445 meinden. Organisierung des Kultus auf moderner und zugleich traditioneller Basis. Nationalisierung, Systematisierung und Vereinheitlichung der Schultypen und -programme. Auf- und Ausbau umfassender und zeitgemäßer sozialer Hilfe. Gemeinde- und Nationalsteuern obligatorisch, unter Garantie gerechter Lastenverteilung. In den Provinzialverbänden Gemeinbürgschaft zwischen Groß- und Kleingemeinden; gemeinsame höhere Lehr-, Pflege- und Kreditanstalten. Der Landesverband als nationale Einheit und Staatskomponente mit autonomen Rechten. Auf allen Stufen scharf durchgeführte Trennung zwischen Geistlichem und Weltlichem, zwischen Repräsentanz und Exekutive, die zweite der ersten vollverantwortlich. Höchster Ausdruck des nationalen Willens die Nationalversammlung mit vierjähriger Legislaturperiode und je einem Vertreter auf 2000 Seelen. Aus ihr hervorgehend der Nationalrat mit zweijähriger Amtsdauer, den elf in der Hauptstadt residierende Mitglieder zusammensetzen. Die höchste Leitung der nationalen Politik und Verwaltung ist vom Großrabbiner auf den Nationalrat übergegangen; der Chachambaschi-Posten verschwindet, zu geistlicher Repräsentanz wird der Oberrabbiner der Hauptstadt herangezogen. Das Hauptstück der neuen Charte ist der die nationale Autonomie betreffende Absatz. Sie umfaßt: das Proporz-Wahlrecht in nationalem Kataster, proportionelle Beteiligung an den Ämtern, Recht auf die nationale Sprache in Kultus, Schule und öffentlichem Leben, Autonomie von Kult und Schule, bei Staatsanerkennung ihrer Diplome und proportionaler Staatsunterstützung, Recht auf kommunale und nationale Steuern, mit Eingangssicherung durch die öffentlichen Gewalten. Berufen, die neue Verfassung endgültig anzunehmen und zu proklamieren, ist die Konstituante, eine Erste Außerordentliche Nationalversammlung. An der Ordentlichen Nationalversammlung und dem Nationalrät ist es, ihre Anerkennung bei Regierung und Behörden, ihre Einfügung in die Staatsverfassung und ihre Ausführung im Reichs- und Volksleben durchzusetzen. Der erste bedeutsame Schritt auf diesem Wege war die große Audienz auf der Hohen Pforte, in welcher der Interims-Präsident des Jüdischen Nationalrats, Nissim Rousso Effendi, die Tatsache und die Grundzüge der neuen Charta dem Großwesir Damad Ferid Pascha vortrug. Die glänzende Rede, ein hervorragendes politisches Dokument des neuorientierten jüdischen Willens, machte tiefen Eindruck auf den türkischen Staatsmann. Er erklärte in feierlichen Worten sein Einverständnis. Wahrscheinlich ist von all dem fieberhaften Neuschaffen, Gedankenbauen, Grundsteinlegen nicht der leiseste Bericht über die Grenze gesickert. Die Verschüttung der Wege, die Fesselung des Meeres durch die Weltkriegsfolgen erhielten sie immer noch undurchdringlich. Sicherlich ist aber gleichwohl allenthalben bekannt geworden, was der Jüdische Nationalrat der Türkei für die Palästinasache vermocht hat. Selbst im Lande Lebenden ist der erstaunliche Vorgang zu gewissen Stunden wie ein Märchen erschienen. Nur eindringendes Verständnis der sefardischen Massenseele, nur Wissen um ihre herzgebundene, unabgelenkte, immer wachbereite nationale Liebe kann dies historische Phänomen als vorbedingt und organisch erfassen und bewerten. Ussischkins Durchreise von der Ukraine nach Paris gab den Anstoß. Der Nationalrat, auf Appell seines Sekretärs, gab ihm energisch Folge. Durch Rundschreiben und Telegramme wurden alle Gemeinden des Landes zu einer Provisorischen Nationalversammlung aufgefordert. Ihre Delegierten waren sämtlich im Laufe von zwölf Tagen zur Stelle. Und am '28. Januar 1919 erfolgte, Ussischkin am