Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Vom orientalischen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 444 (sequence 12)
- Language
- German
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444 Israel Auerbach; prügelte. Da gingen unsre Wege auseinander. Den Schutz der thrazischen Juden übernahm Großbritannien. Eine Waffenstillstandsklausel verpflichtete die Hohe Pforte, alle Zugehörigen der ihr ehemals verbündeten Mächte aus ihren Grenzen zu entfernen. Hier drohte eine schreckliche Katastrophe. Tausende jüdischer Seelen waren in der Kategorie begriffen, vorwiegend Arme. Menschen, die weder ein Wort der Sprache ihrer sogenannten Vaterländer verstanden, noch sie je gesehen hatten; die keinen Angehörigen, kein Fleckchen bekannter Erde in ihnen, kein entferntestes Verständnis für ihre Politik und ihr Leben besaßen. Man muß wissen, was im Orient fremde Untertanenschaft bedeutet. Fast niemals ein Bekenntnis. Selten abstammungsbedingte Sprach-, Gefühls- und Interessengemeinschaft. Fast immer zufallsgeleiteter Notbehelf gegen autokratisch-türkische Bedrohung und zugleich Resultat der Kapitulationen und fremdkonsularischer Propaganda*). Nichtmuselmanen, Christen noch zahlreicher als Juden, bilden ihre große Mehrheit. Kein anderer Staat hatte je Ausländer von solchem Typus und in gleichem Zahlenausmaß. Jetzt waren diese politischen Lämmer plötzlich „Feinde" geworden, verdammt bis zum Hinausgepeitschtwerden in ihre „Heimat", d. h. ihre wahre Fremde. Der Jüdische Nationalrat, aus Grundsatz keinen Unterschied zwischen Juden anerkennend, und überzeugt, daß bei normalen Verhältnissen und in naher Zukunft alle diese jüdischen „Ausländer" zu Landeskindern würden, intervenierte energisch zu ihren Gunsten, bürgte für ihr politisches Wohlverhalten, erreichte auch endlich ihre Belassung im Lande, wenige unerfreuliche Elemente ausgenommen und die Handvoll deutscher Juden, die wandern mußten. So viel zu erlangen, war dem Jüdischen Nationalrat nicht leicht geworden. Lange wirkte die Chachambaschi-Geschichte verhängnisvoll störend. Endlich hatte dann britisches Entgegenkommen (und italienisches) das Eis gebrochen. Der glückliche, so viel Einzelexistenzen berührende Erfolg hat dem Nationalrat viel jüdischen Boden, Popularität und Vertrauen gewonnen. Indes, solche Tagesfragen verschwinden an Bedeutung gegenüber dem großen Problem, das der Volksrat zu lösen hatte, der inneren Reorganisierung. Alle Welt war sich darin einig: die alte Judenverfassung war faul, tot, unmöglich. Dunkel war das schon 1909 empfunden worden; der Chachambaschi, im Moment seiner Wahl, hatte schwören müssen, sie revidieren zu lassen. Der Schwur hatte ihn wenig gekümmert. Jetzt übernahm ihn der Nationalrat Es galt, Lebendes, Belebendes, Zukunftsboden zu schaffen. Eine Spezialsektion wurde eingesetzt; die Ausarbeitung ihrem Referenten, dem Generalsekretär, überlassen. Die erste Fassung ward monatelang studiert, fast unverändert angenommen. Das neue „Statut Organique" umschrieb die gesamte jüdische Landesgemeinschaft, von ihrer kleinsten Lebenszelle, der „Commune" (Haschgachah) einer Kleinstadt oder eines Großstadtviertels, über die Großgemeinde und die Provinzialregion, bis hinauf zum Landesverbände. Das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht Prinzip demokratischer Willensbildung. Zentralisierung und Dezentralisierung, gut gegeneinander gewogen, Administrationsmethode. Rechtsgleichheit, innere Autonomie und proportionelle Vertretung der beiden Riten, als Friedensbürgschaft. Gleichstellung der In- und Ausländer innerhalb der Ge- *) Deutschland hat diese Propaganda nie betrieben; daher sind deutsche Juden der bezeichneten Art in der Türkei nicht vorhanden.