Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Vom orientalischen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 442 (sequence 10)
- Language
- German
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442 Israel Auerbach: des Alten, Faulen, Überlebten verschwunden! und just in dem Momente, da Möglichkeiten zum Besseren und Neuen wie Sternregen hereinbrachen! Man kann nach einem Jahre Versailles über die vierzehn Punkte Wilsons denken, wie man will. Man kann ihnen fortwirkende Kraft auf Weltumgestaltung absprechen. Aber November 1918 und in Konstantinopel waren sie höchste Realität der Entwicklung. Auf ihrer Basis ward der Waffenstillstand geschlossen. Die Staatsprinzipien des Sultanats dankten ab zu ihren Gunsten. Der Weckruf waren sie an alle orientalischen Nationalitäten zu eigenem Leben. Araber, Griechen, Armenier empfingen sie wohlunterrichtet, erhoben sich sofort in voller nationaler Rüstung. Wenn die Juden des türkischen Orients diesen Augenblick verpaßten, waren sie dem Nichts verfallen. Wenn sie, nun die alte Ordnung dahin war, in die neue nicht eintraten, blieb ihnen nur die Alternative, entweder ihrem viertausendjährigen Volkstum zu entsagen und nirgends hinzugehören, oder sich mit den Türken zusammenzutun und die politische Zukunft mit ihnen zu teilen, just dem Element, das kulturell am tiefsten stand, auf dem das Odium der Armeniergreuel lag, und das die ganze Wucht der Sühnungslasten zu erwarten hatte; wenn aber die türkische Kraft sich irgendwie wieder hob, so waren sie allein von allen der rekonstruierten Unordnung und Unkultur, dem Druck und Sumpf wiederausgeliefert. Nein, die Juden durften diesen unerhört günstigen, abgründig gefährlichen, nie wiederkehrenden Geschichtsmoment nicht verpassen! Daß sie es nicht taten, dazu verhalf ihnen eine glückliche äußere und innere Konstellation: das Verschwinden des Großxabbiners, die Gegenwart nationaler Führernaturen und die starke virtuelle nationale Bereitschaft des sefardischen Wesens und der sefardischen Massen. Es gab in jenem Augenblick — das wird die Geschichte registrieren — keine Assimilanten, keine Wolkengucker, keine Nachläufer und keine Verräter. Es waren -alle zur Stelle, und alle hielten zusammen. Sogar die alten Säulen blieben nicht beiseite. Wie es kam, daß auch sie mittaten und ihre eigene Negierung mitbejahten, das wird abendländischen Gemütern Rätsel bleiben. Gefühl von Verlassenheit und Ohnmacht, da der Platz ihres Führers leer war, Zorn, daß er sich ohne Warnung davongemacht, sie übergangen und verraten hatte, Unbeholfenheit sich zurechtzufinden und Schwindel vor der ungeheuerlichen Verantwortung der neuen Zeiten, feine orientalische Witterung, daß nun die Kraft wo anders lag und es sich empfahl, klug beizudrehen, aber sicherlich doch auch ihr national nicht ertötetes Herz diktierten ihre erfreuliche Haltung. So konnte es geschehen, daß gerade das Nahumsche Rumpfkonsistorium, der Medschliß Dschismani der alten Notavles, daß gerade er die große zionistische Suggestion des Tages, welche die Bene-Berith-Großloge vorschob, überraschend willig aufnahm und selbst zu einer Konferenz von Organisationsvertretern einlud, die, nach nur einer Sitzung, sich zu der Körperschaft umschuf, die der ganzen neuen Epoche Sinn gab: dem jüdischen Nationalrat. Die alte Verfassung hatte keinen vorgesehen. Er war revolutionär. Und das mit Bewußtsein. Er nahm die neue politische Plattform, die Ordnung einer Welt, die noch nicht war, zur Rechtsgrundlage. Man kann auch sagen, den Waffenstillstand. Sein oberstes Ziel setzte ihm, als Generalsekretär, der Verfasser dieser Zeilen und prägte es in seinen ersten Statuten-Leitsatz: Anwendung der Erklärungen des Präsidenten Wilson auf die jüdische Nation der Türkei, und zwar des Artikels zwölf der vierzehn Punkte vom 8. Januar 1918 und des