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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 441

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Vom orientalischen Judentum
Date
1919-01-01
Page
441 (sequence 9)
Language
German
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Vom orientalischen Judentum 441 verschieden begraben. Nicht umsonst nannten der „Frank" und der „Lechli" von der Straße nur jeder sich selbst und nicht den andern Jude. Nicht umsonst kämpften die Aschkenasim seit zwei Jahrzehnten um Autonomie in der Konstantinopeler Großgemeinde, sich aus dem allgemeinen Sumpf auf Trockenboden zu retten. Jetzt konnte man dies alles nützen. War es denn nicht klar, daß der ganze demokratische Aufmarsch nichts als ein aschkenasisches Manöver war, in Gemeinde und Land ans Ruder zu gelangen, den sefardischen Großrabbiner durch einen Lechli zu ersetzen und die spaniolische Mehrheit zu unterjochen? Zwar, die Zionisten gerade proklamierten Brüderlichkeit und Gleichheit, Aufhebung der Zweiheit Sefarad-Aschkenas durch alljüdisch-nationale Einheit; zwar sah man nur in der zionistischen Neuerer Reihen und Organisationen diese Einheit zur Tatsache geworden. Doch das verschlug nichts. Auf der konstruierten, aufgebauschten Feindschaft ließ sich's trefflich reiten. Der Lechli wurde verbrannt. Und die ungefestete, noch allzu leicht verwirrte Masse machte der neue Alarmruf nur scheuer, legte zur Furcht noch Mißtrauen zwischen sie und ihre Befreier. Die alten Einrichtungen standen. Rede- und Artikelstürme konnten um sie pfeifen, Unzufriedenheit unterirdisch grollen: sie zu entwurzeln, bedurfte es elementarer, anders erschütternder Gewalten. III. November 1918 mußte kommen. Allgemeiner Kataklysmus. Jungtürken- D<§bäcle. Sechsunddreißig Stunden vor Waffenstillstandsabschluß, am Sabbatvorabend,, verschwand, auf Sultansyacht, der Großrabbiner übers Schwarze Meer in geheimnisvoller Sendung. Ein Geleitbrief des Grafen Bernstorff öffnete ihm die deutschen Besatzüngssperren. Wien, München waren seine Etappen. Seine Sendung war nach Washington. Im Haag blieb er stecken. Was trieb den Mann der Synagoge auf den politischen Kriegspfad? Was brächte den Verantwortlichen der osmanischen Judenheit dahin, ohne irgend eine ihrer konstituierten Körperschaften zu fragen, die höchsten Interessen seiner Nation aufs unverantwortlichste in die Schanze zu schlagen? Nur Liebedienerei für seine Komiteegetreuen? Nur die Sucht des ehemaligen Winkellehrers, im grellen Licht der Historie eine Rolle zu spielen? Nur Habgier, die entlohnt ward? Oder der kitzelnde Wahn, den Traum seiner Jahre, den türkischen Botschafterposten in Washington, mit Hilfe alter Freunde von drüben gerade jetzt in Realität umzusetzen? Oder einfach Angst vor dem Waffenstillstand, weil er gewärtigen konnte, auf der jungtürkischen Auslieferungsliste zu stehen? Vielleicht alles zusammen. Soviel ist sicher, daß Rabbi Nahum, als er den Fuß vom heißen Boden Konstantinopels hob, seine Amtsdemission in Händen eines Freundes „zu passender Verwendung" zurückließ. Der wurde zwar, nachdem er ausgeplaudert hatte, von den entsetzten Mitbetroffenen zurückgepfiffen; aber es war zu spät, die Bombe war aufgeflogen. Die Unternehmung des Chachambaschi schuf schwere Gefahr nach außen. Griechen und Armenier tobten: Wie? die Massakerpolitik der Komiteemänner vor der Welt verteidigen, also uns anklagen? und das im Namen der Judenr Die Entente in Alarm: Ein jungtürkisch-deutsches Manöver! und die Juden seine Agenten! Es war eine gefährliche Krise, die kräftigstes Abschütteln der Tat und des Mannes kaum besänftigen konnte. Aber nach innen ward das Malheur zu einem unerhörten Glücksfall. Haim Nahum nicht da! das Bollwerk

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