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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 440

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Vom orientalischen Judentum
Date
1919-01-01
Page
440 (sequence 8)
Language
German
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440 Israel Auerbach: mancher gut lancierte Rabbiner hatte in Stadtältestenämtern eine solide Pfründe. Dafür stützten sie denn auch unentwegt und kräftig; in der Presse, in der Gemeindeversammlung verfügten sie über die sonorste Entrüstung; für Massenunterschriften oder Lärmmanifestationen ließ man sich's selbst etwas kosten. Da war nicht aufzukommen. Diese Säule war graniten. Wertvoller noch war die Regierung. Haltbarste Gegenseitigkeits-Versicherung. Ich garantiere euch die „Loyalität" der Juden, ihr garantiert mir den Posten; carte blanche euch für eure Nationalitätenpolitik, mir für meine kommunalen Sorgen; ich bin euer Mann unter Patriarchen und Diplomaten, ihr laßt mir alles beim alten; ich besorge euch die Freundschaft ausländischer Judenheiten (da gibt's Politiker, da gibt's Finanzen!), ihr erhaltet mir die eure. Das Bündnis Nahum-Talaat war in der Tat unzerreißbar. Sie wahrten Treue einander bis zum Ende. Der Führer der Gemeindeopposition von 1911, Kabinettschef in einem Ministerium, wurde zum Teufel gejagt, weil Seine Eminenz ihn zerbrechen wollte; und noch, als das Komitee im Sterben lag, übernahm Rabbi Nahum zu seiner Rettung einen Nibelungen-Auftrag. 'So weit ging die Liga — bis zum Verbrechen. Kein Wunder, daß sie die Massen, selbst wo sie anders wollten, in zahmem Respekt hielt, daß selbst die Mutigsten sich knirschend Gewalt antun und zuwarten mußten. Die Ehrlichkeit verlangt zu sagen, obwohl die Scham es verhüllen möchte, daß die türkischen Machthaber in diesem Pakte die Anständigeren waren. Sie glaubten, was sie taten. Sie hatten ein Prinzip: „ottomanisierep". Der Nationalitätenstaat yon viereinhalb Jahrhunderten sollte über Nacht zum Nationalstaat werden. Interessen, Menschen, Völker, die im Wege standen, und wenn's der Staat selber war, mußten vernichtet werden. Daher die Albanier- und Araberkämpfe, der Balkankrieg, das deutsch-türkische Bündnis, die Armeniergreuel, die Reichszerschmetterung, daher die Verfolgung des Zionismus. Die jüdischen Gewalthaber dagegen machten sich zu dieser Verfolgung Schergen, ohne an die Sache zu glauben. Sie waren weder von Herzen „Ottomanen", noch zweifelten sie, daß der Zionismus für die Türkei keinen Schaden bedeute. Aber die Tatsache, daß die lästigen Neuerer Zionisten waren, war für sie ein Glücksfall allerersten Ranges. Man lieferte Material nach oben und machte scharf, sekundierte Dschemals Deportationen und Morden, indem man Dementis beschaffte; und man dröhnte Phrasen nach unten und schleuderte Anathemen. „Estos anarchistas sionistas! estos stranieros! traditores della patria ottomana!"*) Man kannte seine Juden so gut wie seine Regierung; man wußte, wie unendlich empfänglich (latinisierter Orient) für schön rollende Phrasen sie waren; die taten denn auch Wirkung, ihre Drohung mehr noch als ihr Wohlklang; die halb erweckten Massen duckten erschrocken nieder unter dem Donner ihrer Gewitter, sahen schon im Geiste Gemetzel, gingen verschüchtert heim und mieden ihre beliebten und bejubelten Wecker. Die alten Einrichtungen standen. Ein zweiter „Glücksfall": die Neuerer waren Aschkenasim. Nicht umsonst waren die beiden Riten jahrhundertelang entfremdet, sprachen sie himmelentfernte Idiome, hausten, aßen, tranken, sangen, beteten sie verschieden und ließen sich *) „Diese Zionisten-Anarchisten! Diese Fremden! Verräter des ottomanischen Vaterlandes!"

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