Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Vom orientalischen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom orientalischen Judentum 439 nationalen Organismen. Der Anbruch der Neuzeit, man fühlte es, war nicht aufzuhalten. Leicht ist es den Anregern, den Stürmern des jüdischen Lebenswillens, durchaus nicht geworden, bis an diesen fruchtbar kritischen Punkt zu gelangen. Sie haben, Halbfremde und wenige, an allen Orten zugleich anpacken, auf allen Feldern, auch mancherorts und zuweilen von ihnen selbst für untergeordnet gehaltenen, ackern müssen. Sie haben Unbill und Verkennung auszuhalten, Opfer an Kraft und Selbstüberwindung zu bringen, sich gegen alles Alte und Offizielle durchzusetzen gehabt. Die alten Positionen spürten die Erschütterung wohl, das Beben des Erdreichs vor der neuen Welle, die das Volk, die Massenkraft der durch sie Enterbten, in die Höhe trug und sie selber in ihrer Flut zu begraben drohte. Und die Machthaber des orientalischen Judentums haben alles getan, was trotzige Machtbehauptung allerorten tut und vergebens tut: sie haben die Behörden angerufen und die Phalanx der „Wohlmeinenden" aufmarschieren lassen; sie haben die Massen weiter und stärker entrechtet, wo sie sie nicht durch billige Scheinkonzession beschwichtigen konnten; sie haben ihre Privilegien willkürlicher und unkontrollierter ausgenutzt und sind im Unterdrückungsbündnis mit den Staatsmachthabern bis zur Selbstaufgabe und zum Selbstverrat gegangen. Doch nur, um schließlich, mit reifender Zeit, erkennen zu müssen, daß eben dies ihr Tun ihren Unwert erst völlig bloßgelegt, das Volk vom absoluten Recht seiner neuen Ziele erst völlig überzeugt, sie selbst aus dem Buche der nationalen Zukunft gestrichen und die neue, wahre völkische Vertretung und Leitung heraufgeführt hatte, in ein neues Sein aktivierten jüdischen Lebens, in dem das orientalische Judentum seinen angemessenen Platz im Rate <Jes universellen einnehmen soll. II. Die zehn Jahre jungtürkischer Pseudofreiheit und hingebender Kleinarbeit einer Handvoll Vorkämpfer hatten es bis zur Aktivierung der jüdischen Massenpsyche, des kommunalen, sozialen und kulturellen Gewissens gebracht. Aber die alten Einrichtungen standen. Es war einmal, 1911, an ihnen gerüttelt worden, aber sie hatten sich behauptet. Das Einzige, was damals erreicht war, die Beteiligung modern gesinnter, demokratischer und nationaler Elemente an der obersten jüdischen Verwaltungsbehörde, dem „Medschliß Dschismani" oder Laienkonsistorium, war von der Art der Abdul-Hamidischen Konstitutionsgeschenke. Was mit der rechten Hand gegeben war, wurde mit der linken genommen. Nationalistisches Konsistorium? gut! aber wir tun, als ob es gar nicht vorhanden wäre. Der Chachambaschi vermag nichts ohne Konsistorium? so sagt die Verfassung? bitte, Regierung und Staatsrat interpretieren anders: Ihr, ohne mich, könnt nicht das geringste beschließen! Nun bitte, träumt, beratet, dekretiert Reformationen! Bei jedem Vorschlage seines Medschliß hob Eminenz vielbedeutend die Brauen: ... pourvu que le gouvernement admette...! Aber diese seine merkwürdige Regierung, die er in alle Saucen mischte, die wollte niemals. Nichts wurde aus welchem Projekte immer. Der nationale Medschliß demissionierte. Die alten Einrichtungen — d. h. der Großrabbiner — standen. Sie hatten sich weislich fest verankert. Zuvörderst im materiellen Interesse der Mitbeteiligten. Die Gemeindegroßen, die getreuen Notavles, hatten durch „eminente" Vermittlung Weg frei zu Pöstchen und Staatsgeschäften, im Kriege ganz besonders; bei den patriotischen Unternehmungen und Institutionen fielen immer Brocken; ein Muchtar war in seinem Stadtviertel ein kleiner König;