Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Vom orientalischen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 438 (sequence 6)
- Language
- German
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438 Israel Auerbach: auf sich luden, die Gefahren trotzten. Drohung und Polizei, Gefängnis und Verbannung konnten die nicht schrecken und nicht erschüttern» Dies Beispiel hat große Wirkung ausgelöst, vor allem die Herzen einer ganzen Jugend umgewandelt. Die neue türkisch-jüdische Presse des letzten Jahrzehnts ist dessen Zeuge, mehr das noch geradezu außerordentliche Werden, Anschwellen und Dauern der makkabistischen Jugendbewegung im Orient, die neue Seelen aufzog in neuen Leibern. Doch mehr mußte geschehn, um den Männern der „Aufklärung" das Vertrauen des Volkes zu schaffen. Man mußte in seine Hütten gehn, da wo sein Leiden am größten war; es mußte sehn, daß man mit seinen Leiden litt, daß man keine Ruhe gab, bis sie gelindert wurden. Das ist geschehen. Nie war bis dahin in Zeiten von Katastrophen dem orientalischen Juden in seinem Elend so schnell, so energisch und so gerecht geholfen worden, als die neuen Männer taten. Es gelang ihnen mit Beistand des Judentums von draußen; neue tiefe Lehre: alle Juden über Grenzen und Meere hinweg Brüder, Söhne einer Mutter, jeder reicht dem andern die Hände; die draußen nicht nur hilfreich, sondern auch reich und mächtig; warum nicht wie die draußen werden! Die Hilfswerke zogen ihre Wege auch zu den Wohlhabenden im Inland. Die Massenmisere fiel schließlich doch den einheimischen Reichen zur Last, klopfte als Bettel an ihre Türen, wenn das Auslands Judentum nicht mit eingriff; das aber griff nur ein (dafür sorgten die „Männer"), wenn Selbsthilfe, und zwar recht proportionierte Selbsthilfe im Inland, wenn kontrollierte, gerechte und rationelle Verwertung der gemeinsamen Aktion gesichert wurde. So kam man an die gestern unnahbaren „Notavles", die zu einer neuen Rasse von Notabein wurden. Notabein, die geben lernten, weil die Empfangenden jüdische Brüder waren; geben in praktischen, neusozialen Formen; und nicht nur geben, nein, auch Vorsorgen (das war rationeller), in gemeinnütziger, über Sefardim und Aschkenasim weg gemeinsamer Arbeit. Das Wichtigste aber, was diese Arbeit lehrte, war Organisierung. Hier hat der Bene-Berith-Gedanke Gewaltiges geleistet, der als Helfer zur Selbstentfaltung ins orientalische Judentum hinübergepflanzt wurde. Dutzende sozialer Werke (hierin waren sie Vormund der Gemeinden), die Kriegshilfe über das ganze Land, mit Fürsorge für Witwen und Waisen, mit Volksküchen und Schulküchen, mit Maßnahmen zur Erhaltung von Verschämten und Gelehrten, von Krankenhäusern und Schulen, waren nicht ohne die Logen denkbar. Eine langsame, doch fühlbare Erneuerung ergriff endlich die Schule. Ein neuer Typus stand zu schaffen. Erst zeigte ihn das Ideal in der Propaganda; das Programm wurde entfaltet. Dann kamen neue Lehrer und neue Leiter (der Hilfsverein war hier Etappe), die nicht Bürokraten waren, sondern Menschen, und nicht Franzosen, Deutsche oder Türken, sondern vor allem Juden. So wurde die „Maestra" zum Gan Jeladim, die Talmud-Thoras bildeten sich um in hebräische Knabenschulen. Aneignung europäischer Sprachen galt nicht mehr als Selbstzweck, sondern diente praktischen Zielen; lokales, reales, humanitäres und jüdisches Wissen wurden miteinander organisch vereinigt. Wichtigster Fortschritt hier: die ganz eigene Schule, die nicht von draußen unterstützte, aus rein lokaler Kraft erwachsene, autonome Schule; die in den ärmsten Vierteln von der Bevölkerung gehegte, unten, und die vollständige, von den Söhnen der Reichen besuchte und unterhaltene jüdische Mittelschule oben. Die Arbeit der Aktivierung der Gemeinden war die einzige, die noch keine Früchte zeigte. Aber die Säfte stiegen schon allenthalben aus den Wurzeln, in den Stämmen knackte und krachte es. Heftige Krisen, gleich Frühlingsstürmen, schüttelten die