Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Vom orientalischen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101160-3104923--3579-3104939- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
_ Vom orientalischen Judentum --—-■---—---437 und nie daran zu denken wagend, daß der Entschluß allein, ihr soziales Leben in die eigenen Hände zu nehmen, seine Rettung und seinen Neuaufbau bedeuten würde. In ein so gesunkenes Milieu konnte der rettende Gedanke und Entschluß nicht ohne weiteres und von selber kommen. Vor allem mußte die allgemeine politische und soziale Umwelt sich wandeln (wie sie in Bulgarien sich gewandelt hatte). Die Furcht, die wenig edle Nährmutter des Respektes, mußte aus den Seelen schwinden; sonst blieb der sefardische Jude ein sozial ausgelöschtes Wesen, wie der türkische Untertan ein politisch ausgelöschtes blieb. Vor einem Jahrzehnt schien der große Moment dieser äußeren und inneren Umwälzung gekommen. Die Revolution der Jungtürken brach über das Kalifat herein. Alles, alles sollte sie neu gebären. Die Sklavenfesseln, die Hirne, die Zungen, die Kräfte aller Bürger lösen. Es war ein trauriger Irrtum. Alles änderte sich und blieb doch, was es gewesen war. Der Despot war fort, eine Despotenhorde trat an seine Stelle. Aber bis der Irrtum recht erkannt, die Realität vollständig offenbar ward, war doch viel Aufklärung geschehen. Zahllose Stimmen hatten sprechen, zahllose Hände schreiben dürfen; die alte Gewalt konnte wiederkehren, die alte Mentalität aber war durchbrochen. Auch im orientalischen Judentum. Umsonst, daß die Machthaber der jüdischen Nation und Gemeinden ganz wie zuvor auf ihrer autoritativen Stellung im Staate, auf ihren Beziehungen zu den neuen Herren wie zu den alten zu spielen suchten, um die ihnen ausgelieferte Masse einzuschüchtern. Die Zeit war eine andere. Die Erweckung hatte begonnen, Rückeinschläferung war unmöglich. Woher war dieser neue Wind gekommen, der da durch den Bosporus wehte, die Judengasse durchlüftete und ein furchtgeducktes Volk das Aufatmen und das Selbstdenken lehrte? Von innen konnte er unmöglich kommen; nicht die neuen Ziele und nicht der Mannesmut, für sie zu wagen und zu leiden. Die lieferte das aschkenasische Element; weniger das im Orient seit langem lebende und mitorientalisierte, als das neueingewanderte. Die alte aschkenasische Immigration war mehr oder weniger eine von Desperados gewesen, die neue war eine solche von Idealisten. Schon daß jetzt Aschkenasim auf Sefardim überhaupt wirken konnten, war eines der Wunder der neuen Ära. Die jahrhundertelang einander entfremdeten Brüder waren bei ihrem Neuaufeinanderstoßen feindliche Brüder geworden. Sie hatten ihr Wesen so wenig verstanden, als ihre Sprache, Gebräuche und Glaubensriten. Mißtrauen war, wie ein blankes Schwert, zwischen ihnen gelegen. Nun aber, da von oben gepredigt wurde, daß nicht nur alle osmanischen Bürger, sondern auch alle osmanischen Völker Brüder seien, mußte die neue Lehre für die Brüder des gleichen Volkes doch zumindest gelten. In diese frisch geöffnete Wahrheitslücke setzte — bevor sie sich wieder schließen konnte, wie viele andere sich schlössen — die jüdische Aufklärung ein, und sie gewann sich Herzen. Die Fanfare, die sie blies, war der Nationalismus. Und daß das Wirkung gewann, lag am alten, in allem Verfall lebendig gebliebenen, jüdisch-völkischen Gefühle des Sefardi. Wenn alle Völker des Reiches Brüder waren, so mußte das judische zusehn, daß es der anderen nicht unwürdig dastand, daß es zum gemeinsamen Ganzen nicht weniger beitrug, daß es die Zeichen der Zeit nicht weniger zum eigenen Aufstieg nutzte als all die andern. Wie aber war Aufstieg möglich? # Und nun folgte die ganze Aufklärungsskala der Kritik und Ideale. Noch ein wichtiger Faktor half zum Gelingen, das Auftreten des Phänomens der Persönlichkeiten. Ein bisher Unerhörtes: es standen da Männer vor den Augen der fürchtend Sehnenden, die das Haupt aufrecht trugen, die vor die Mächtigen traten, die Wahrheit wagten, die Kampf