Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Vom orientalischen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 436 (sequence 4)
- Language
- German
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436 Israel Auerbach: Leider nur noch ein Rahmen, gut genug gewesen für Zusammenhalt in Vergangenheiten, mit den Zeiten aber leer und wurmstichig geworden im allgemeinen osmanischen Reichs verfall. Der jüdische Mikrokosmus wurde ein spiegelgetreuer Abdruck des Sultanstaates. Des kleinen „Millet" Verfassung (erst Privilegiensammlung, später das Chacham-chane-nisam-namessi im großen „Destur") taugte nicht besser als die des Imperiums für ein Dauerdäsein. Die gleichen Prinzipien und die gleichen Prozesse führten zu beider Zersetzung. Das despotische Wesen, überspannte Zentralisierung, Abtöten der peripheren Kräfte wurde ihrer beider Unglück. Im Chachambaschi, dem Großrabbiner, schuf der große Kalif einen kleinen; der machte die Volksrechte bald zu Personalprivilegien; ließ den Medschlis Umumi, seine Nationalversammlung, so weit als möglich, entschlafen; fälschte das Wahlrecht in Nation und Gemeinde zu Ernennungsvorrechten um; zentralisierte und akkaparierte fast die gesamten Steuern; betrachtete sich selbst mehr als Vertreter des Kalifen bei seinem Volke denn als Vertreter des Volkes bei seinem Kalifen, so die Treue und Verehrung der Seinen in Unterwürfigkeit und Furcht verwandelnd. Über die Hauptstadt und das Land streute er seine ihm genehmen Vertreter; kein Basch-Chacham oder Hauptrabbiner gelangte ins Amt ohne die Bestätigung der „Eminencia"; die taten in ihrem Kreise draußen und unten, was ihr Herr im Großen oben; um sie wie um ihn zog sich die Schar der zur Gemeindeleitung autoritär begnadeten Laien, eines neuen gelderblichen Adels, die sogenannten „Notavles". Und so wurde regiert, nach Belieben und Frommen der Großen und der Reicheny unter gänzlicher Ausschließung und Teilnahmslosigkeit der ärmeren und der ärmsten Menge, für die nur das Recht zu steuern übrig blieb. Die Steuerkontrolle wurde ohne sie erledigt. Daß auf diese Weise für ihre Bedürfnisse, soziale und kulturelle, immer weniger abfiel, lag in der Natur der Dinge; die Notavles hüteten sich wohl, zu tief in den eigenen Beutel zu greifen; außer der Koscherfleischtaxe „Gabella" war jede weitere Besteuerung fakultativ, beliebig. Die große Last der Erhaltung der Gemeinschaftsinstitutionen ruhte immer mehr auf der Masse; die soziale Fürsorge versiegte, der dritte Stand verarmte, die ehemals blühende Mittelschicht der „Jachidim" verfiel und erlosch mit den Zeiten. Das Schlimmste von allem aber war der Mitverfall der Charakter-, der Persönlichkeitswerte des Sefardi. Hypertrophie des Beamtenwesens, ihrer Macht und ihres Dünkels mit all den traurigen orientalischen Begleiterscheinungen: Bevorzugungen, Beeinträchtigungen, Bespähung, Angeberei und Verfolgung, auf der einen, — Hypertrophie der Unterwürfigkeit, Schmeichelei, Furcht, Vorsicht und Heuchelei auf der anderen Seite, waren die unausbleibliche Folge; seelische Erscheinungen, die den orientalischen Juden zuweilen mehr Orientalen denn Juden sein ließen. So war denn die sefardische Nationalverfassung nicht nur Quelle der Nationalwerte des Sefardi, sondern auch seiner Persönlichkeitsmängel; Schutz seiner Gesamtheitserhaltung und zugleich Verderb seiner Sozialzustände. Wer das Elend der Synagogen und Midraschim, den Schwund der Lehrstätten und Bibliotheken, den Jammer der Schulen (Maestra und Talmud-Thorah verdienen jakaumnoch den Namen), das Fehlen jeder sozialen Hilfsinstitution im orientalisch-jüdischen Organismus mit Verwunderung und Trauer feststellte, mußte die sehr nationale, aber höchst antisoziale, glücklichst angelegte, aber unglücklichst verbaute und verderbte Verfassung des Chachamchane dafür verantwortlich machen. Nur dem sefardischen Juden ist das nie beigefallen. Die Tausende und Zehntausende, die an ihr litten, trugen ihr Leid in stummer Ergebung, seine Wurzeln nimmer erkennend, in Ehrfurcht vor denen ersterbend, die ihrem Verfall tatenlos zuschauten oder ihn beschleunigen halfen,