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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 435

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Vom orientalischen Judentum
Date
1919-01-01
Page
435 (sequence 3)
Language
German
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_____Vom orientalischen Judentum und Eigenziele gestellt, zu führen vermag, zeigt uns die Judenheit Bulgariens: dieselbe sefardische Masse nach Ursprung und Typus, und doch völlig umgestaltet durch eine einzige Generation höheren Staats- und Wirtschaftslebens, europäisiert von innen heraus, auf organische Weise entmorgenländigt. Diese bulgarische Judenheit ist die nationalisierteste Europas, vielleicht der ganzen Erde; sie ist es organisiert, in ihren Gemeinden und fast als Ganzes; sie'hat selbst den halben Assimilationsversuch der Alliance über den Haufen geworfen, hat ihr gesamtes Schulwesen völkisch gemacht und hebraisiert; nationale Banken, Unternehmungen für Palästina sammeln all ihre Kräfte im Hinblick auf die Zukunft des jüdischen Volkes. Das bulgarische Beispiel lehrt uns, was Aktivierung orientalischen Judentums sein muß. Sie hat hier grundsätzlich andere Arbeit zu leisten als inaschkenasischen Landen. (Wir denken hier an West-Aschkenas natürlich.) In Aschkenas muß der nationale Gemeinschaftswille geweckt werden, in Sefarad der Persönlichkeitswille; in Aschkenas die bestehenden Sozialorganismen mit Volksgefühl erfüllt werden, in Sefarad dem bestehenden Volksgefühl die soziale Organisation geschaffen; in Aschkenas der kulturelle und der politische Mensch verjüdischt, in Sefarad der jüdische Mensch zu kultureller und politischer Potenz erhoben werden. Welche Aufgabe ist die leichteie, die schönere, die aussichtsvollere? Ich mag nicht entscheiden. Formen lassen sich mit weniger Anstrengung schaffen als Wesensinhalt, auch geht indessen vom „Aktivierungsstoff" nichts verloren, wo Assimilation nicht Volksstoff zerbröckelt; aber Persönlichkeiten hinwiederum wachsen nicht so schnell wie Frühblumen im Glashaus. Hier wie dort hat eine Generation zumindest ganze Kraft einzusetzen. In einem Augenblicke aber, wo es sich darum handelt, das ganze Judentum, das universelle, zusammenzuraffen, um einen einzigen Leib zu manifestieren und einen einigen Willen, in einem Augenblicke, da es auf Bekenntnis ankommt, das eine historische Situation zum höchsten Ausdrucke biingt und historischer Volkstat die Tore aufsprengt — für einen solchen Augenblick ist Sefarad bereiter und reifer als Aschkenas. Klopft an sein Herz: ein jauchzendes Ja gibt Antwort. Das jüdische Gemeingefühl des Sefardi ist kein glücklicher Zufall und kein gnädiges Wunder. Ein positives historisches Faktum hat es entstehen lassen. Als die nach stolzer Blütezeit zermalmten und zermarterten, durch Blut und Feuer aus Spanien gejagten Hunderttausende sich unter dem schützenden Bogen des Halbmonds bargen, wurden sie von den milden und klugen Sultanen als Gesamtheit, als Volkseinheit, gerufen, begrüßt, anerkannt und dem Staatsgebäude eingeordnet. Im Osmanenreiche kein Novum, das zwar Völker unterjochte und einverleibte, aber ihre Art und ihren Zusammenhalt nicht antastete. „Nationalitätenstaat" auf seine Art und zu seinen Zeiten. Dort waren und dort blieben die Juden ein Volkstum, ein „Millet" bis zum heutigen Tage. Kein Teil des Galuthvolkes, seit der tröstlichen Epoche der Resche-Galutha, hat so deutliche und feste Nationalitätsformen besessen (die polnischen Juden in einem gewissen Geschichtsmomente ausgenommen), wie die osmanischen Sefardis. Eigenes Oberhaupt, eigenes Parlament, eigene Schule und eigene Besteuerung, das alles garantiert in eigener Nationalverfassung, stützen, die innere Gemeinsamkeit von Blut, Religion, Sprache und Sitte. Und dieser national autonomische Rahmen blieb ihnen überschlagen bis auf die Gegenwart. Welch hervorragendes Besitztum, das alle Teile unseres Judentums ihnen neiden mögen (ringen doch viele von ihnen gerade heute um viel weniger!), und das sie, sollte man meinen, befähigen könnte, an einen ersten Platz organisierten Judentums zu treten.

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