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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 10 · p. 434

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 10
Article
Vom orientalischen Judentum
Date
1919-01-01
Page
434 (sequence 2)
Language
German
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434 Israel Auerbach: und Halbmond (nicht die Gebirgsmauer der Pyrenäen allein) hat jenen Teil des Judentums von uns isoliert, der zum sefardischen geworden ist. Als das Kreuz mit ganz Europa auch Spanien überdeckte, war es zur Assimilierung mit uns bereits zu spät. Das Exil ins Osmaniscbe hat die Entfremdung besiegelt, beinahe verewigt. Und heute, da Sefarad und Aschkenas sich endlich wieder begegnen, erkennen sie sich kaum noch als Brüder. Aschkenas ist jahrhundertelang noch insgesamt, in seinen großen Massen noch bis heute, gedrückt und gehetzt geblieben, hat aber die geistige Abendlandsentwicklung zu der seinen gemacht und sich scharfe Waffen aus ihr geschmiedet. Sefarad ist uneingeengt und ungefährdet, aber auch ungewappnet geblieben; ohne Geißel, aber auch ohne Ehrgeiz, ohne Qual, daher ohne Ideale; in relativ bequemer, aber unfruchtbarer Existenz ist er in den allgemeinen Sumpf orientalischer Kulturlosigkeit hinabgeglitten. Dafür hat er Großes vor Aschkenas voraus: das andere, das negative Produkt des Drucks, Assimilationsgefahr, sei's in Zwang, sei's in Versuchung, hat für ihn nicht bestanden. Keinen Augenblick verlor er oder bedauerte er sein Gefühl von sich; sein nationales Ich blieb unbestritten, naiv und selbstverständlich; er hat sich nicht atomisiert, das Erbband zwischen der Historie und sich, Palästina und sich, niemals zerschnitten. Als Individuum und Subjekt ist Aschkenas, als Objekt und Rasse ist Sefarad überlegen. Diese Formel bezeichnet, was dem orientalischen Juden fehlt: Persönlichkeitswerte. Er ist eben der reine Morgenländer. Genügsam, weil ohne höheres Bedürfnis; friedliebend, weil bewegungsträg; zufrieden, weil unterwürfig; bescheiden, weil vor Geld, Prunk, Würde, Titeln, kurz Macht ersterbend, weil jahrhundertelang despotenhörig; vorsichtig bis zum Mißtrauen und zur Zweideutigkeit, weil an umlauerndes Spitzeltum gewöhnt; arm und ungebildet in der großen Masse, weil sozial unorganisiert; unpolitisch, unkur agiert, unfreiheitlich, weil unter den Herren des Orients Politik, Mut, Freiheit untersagte Dinge waren. Alles, was aus Persönlichem aufwärts strebt: Eigenwille, Selbstentwicklung, Selbsthilfe, Autoemanzipation,sind ihm nicht gegeben. Dafür liegt aber sein nationales Eigensein klar zutage. Nie wird ihm beifallen, sich nicht als jüdisch zu bekennen; die Kluft von ihm zu den anderen, Türken, Arabern, Griechen, Armeniern, ist gar zu breit; er kann sie und er will sie nicht überdecken; das herrschende Element, das türkische, stand ihm viel zu tief, als daß er sich an es hätte aufgeben können; Europa blieb zu fern und zu ungekannt, um ihm zu drohen oder ihn zu verführen. Daher sind Übertritte selten, trotz jahrzehntelanger korruptiver Missionspropaganda; Mischehen spärlich. Assimilationstheorien sind gar nicht aufgekommen, selbst in Zeiten des gefährlichen Jungtürkendrucks nicht. Der damalige „Ottomanismus*4 war nicht als Türkisierung verstanden; „Türkismus" und „Turanismus" blieben auf ein einziges jüdisches Individuum beschränkt; Tekin Alp (Moise Cohen) blieb lächerlich. Man hat eine gewisse Zeit die Französierung durch die Schulen der Alliance Israelite gefürchtet; aber sie führte doch nicht aus dem Judentum heraus, in eine in Beschlag nehmende Umwelt hinein; sie war nur ein ungeschickter Versuch, Orient abzustoßen und Europäertum zu erhaschen, hat mehr depaysiert, als entnationalisiert; in die Tiefe ging sie nicht. Sie hat nur eine dünne Oberschicht gestreift, selbst in dieser nicht einmal das Sprachgewand neuersetzt; alle die vornehmen Pseudo-Pariser und -Pariserinnen fallen, sowie sie unter sich sind, in ihr traulich-heimeliges Spaniolisch. Das Gemeingefühl blieb unerschüttert. Wohin dieses wertvolle Gemeingefühl, verpflanzt in andere Sphäre, gelöst von jahrhundertealter politischer, sozialer, humaner An- und Mißerziehung, auf moderne

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