Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Vom orientalischen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 433 (sequence 1)
- Language
- German
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VOM ORIENTALISCHEN JUDENTUM i. Aktivierung jüdischen Lebens ist Selbstzweck, Sie muß sein, sonst sind wir nicht. Unser Winterschlaf wird gefährlich, denn unser Winter dauert schier endlos und unser Frühling (uns dünkt, die Märzstürme hören wir) kommt uns vergebens, wenn unsere Lebensadern endgültig verkalkt sind. Aktivierung ist gut in jeder Form und auf jedem Forum. Tempel, Heim und Volkshaus, Wissen, Kunst und Wirtschaft, Sitte, Gesellschaft und Politik, überall brauchen wir sie gleicherweise. Kein Bedürfnis ist vornehmer als das andere, keine Bemühung minder achtenswert. Form muß Triebe setzen mit dem Inhalt; alle Prozesse haben gleichzeitig zu verlaufen. Denn das Leben umfaßt alles mit- und ineinander; und um Leben, Erhaltung, Dauer, Erhöhung eigenen, d.h. jüdischen Weltlebens geht es. Auch ist kein Teil unseres Judentums zu mißachten. Lebensgefühl im Organismus haben heißt alle seine Glieder organisch empfinden, kennen, anerkennen. So muß jede Komponente unserer Volksmaschine gelöst, befreit, aktiviert werden, wenn ihre Totalität, von einem Schwungrad getrieben, von einem Geiste durchglüht, in Schönheit spielen und Weltwert produzieren soll. Schon manches unscheinbare, in verstecktem Winkel verkümmerte, als nutzlos verschriene Organ hat plötzlich ein machtvolles Mysterium um Sein oder Nichtsein des Lebewesens offenbart. Aktivierung jüdischen Lebens ist Ausdruck und Leistung jüdischen Lebenswillens. Der jüdische Lebenswille aber, das sind wir: wir Neujuden, deren Werk reine volle Form, Brennspiegel und Herzschlag, Allentfaltung und Allauswirkung von Weltjudentum sein soll. Wir, jüdischer Lebenswille, sind also für alles Aktivierungswesen hingestellt und verantwortlich. Alle Lebensgebiete, alle Volksteile rufen uns und brauchen uns. Wir sind nicht wir, wir leben nicht, was wir sind, wenn wir, nur auf das Ganze und das Ende schauend, uns Einzelnem und irgend einem von ihnen entziehen und nur als „Meister" des Totalwerks uns „beschränken" wollen. Es gibt ein orientalisches Judentum. Obwohl manche von uns es zuweilen vergessen haben. Es liegen auch jüdische Werte darin. Nicht nur geeignet, als Kuriosa für ein Feuilleton zu dienen, sondern auch, unser Volkswesen zu bereichern. Eine schlafende, tief schlafende Monade, aber befähigt und nicht unwürdig, geweckt und unserer höheren Einheit eingereiht zu werden. Hier liegt eine notwendige und unabweisbare Aufgabe für den jüdischen Lebenswillen. Der Beginn ihrer Erfüllung ist nicht von morgen und nicht von heute; zwei Lustren sind schon über ihn hingegangen. Aber das Reifen der Mühen hat eben jetzt angehoben. Dieser fruchtbare Augenblick ist es, der entschlossen genutzt und durch Kräfteeinsatz zur vollen Ausprägung gebracht werden sollte. Die, Jahrhunderte hindurch südnordwärts vorgestoßene, ^[^^^ hindurch zurückgedrückte, blutübe rieselte, unübersüegene Mauer zischen Kreuz Heft xo.