Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Aktivistische Verirrungen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 431 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen 4SI So weit ungefähr Jabotinski. Die Maßstäbe, die er an Literaturwerke legt, sind nicht künstlerischer oder ästhetischer Natur; es erübrigt sich also, in eine literarische Diskussion über seine anfechtbare kritische Einstellung einzutreten. Jabotinski übersieht jedenfalls, daß wirklich große Dichtung, auch wenn sie in erster Linie Begebenheiten darstellt, nur dann bestehen kann, wenn die Begebenheiten aus innerer Notwendigkeit fließen; daß z. B. ein Drama von Shakespeare oder ein Roman von Dostojewski wahrhaftig nicht arm an Handlung ist und dennoch tiefste Abgründe des Seelenlebens bloßlegt. Wohl bildet und bewährt sich ein Charakter in dem Strom der Welt; doch wer nur die Oberfläche dieses Stromes sehen will und der Verankerung und seelischen Realität der Charaktere nicht achtet, der wird dem Wesen der Dinge und der tiefsten Wirklichkeit im Leben ebenso wie in der Dichtung fern bleiben. Auf einen seelisch gesunden Leser werden nur große, aus innerer Wahrheit gestaltete Werke einen tiefgehenden Einfluß üben. Das Kriterium wahrhafter Schöpfung, künstlerischen Wertes, ist auch bei Beurteilung der Wirkung nicht irrelevant Nicht der Stoff, sondern die Bewertung des Werkes sollte bei der Auswahl für die Übersetzung ins Hebräische maßgebend sein. Es ist jedoch bezeichnend, daß Jabotinski auf Funktionen Wert legt, für die ihm Dostojewski und Hamsun ungeeignet scheinen, die aber Conan Doyle oder Karl May oder auch ein aufregendes Filmdrama mit Erfolg erfüllen kann. Hier hört jede Möglichkeit einer ästhetischen Diskussion auf; hier lauert aber auch eine Gefahr, die ernster ist als die bloße Verwilderung des literarischen Geschmacks. Es ist auch nicht die Frage des literarischen Geschmacks, um derentwillen diese Äußerung hier wiedergegeben wird. Vielmehr geht es darum, die zutage tretende Kulturgesinnung unserer modernen nationalen Bourgeoisie in Erez Israel zu beleuchten und einer Entwicklung ins Auge zu schauen, die sich in unserer werdenden nationalen Heimat anbahnt. Die Reaktion auf unser Leben im Ghetto, das nur dem Geiste zugewandt war, hat dieses Extrem hervorgebracht, das aus dem Gefängnis des Beth Hamidrasch nur eine Flucht kennt: die Abkehr vom Geistigen überhaupt. Unsere Alten mühten sich um geistige Welten, die freilich in jahrtausendelanger Gefangenschaft erstarrt und vom Leben durch abgrundtiefe Klüfte getrennt waren. Die Neuen haben, als sie dieser Erstarrung inne wurden, sich nur dem „Leben" zugewandt, sie haben sich die äußeren Formen der europäischen Umwelt angeeignet und fliehen in panischem Schrecken vor dem Trieb zu jener Versenkung in uralte geistige Schätze, die für das praktische Leben untauglich macht und die Entfaltung der nationalen Energien in der realen Welt hemmt. Dieser russische Jude, der durch alle Wässer Europas gefahren ist, hat die Lehre vom „Kampf ums Dasein'* aufgenommen und seine nationale Ideologie danach orientiert. Sein Wunsch ist, daß das Volk mit Waffen aus Erz und Stahl für diesen Kampf gerüstet sei. Darum ist seine Thora Sienkiewicz. Die Geschichte des jüdischen Volkes läßt jedenfalls eine andere Deutung zu; sie beweist, daß das jüdische Volk sich durch Festhalten an seinen geistigen Gütern im „Kampf ums Dasein" mit mehr Erfolg behauptet hat, als es durch militärische Unternehmungen der Fall gewesen wäre. Zweifellos bedarf unsere heutige Situation, diese Zeit des Überganges und der Krise, eines tatkräftigen, tatbereiten Geschlechtes, das den gewaltigen Anforderungen des äußeren Lebens gewachsen ist. Aber wir müssen uns hüten, den Begriff der Aktivität zu leicht und zu oberflächlich zu nehmen. Aktivität ist nicht identisch mit Abenteuerlust. Nicht die technische Beherrschung der Mittel des Lebens, nicht Geschicklichkeit der Bewegungen, selbst nicht der kühne Wagemut kräftiger Robustheit sind die Eigenschaften, die aktive Energien auslösen. Die Tat, auf die es ankommt, ist nicht durch Nervenreize zu beschwören. Vielmehr kommt es darauf an, daß die produktiven Kräfte des Volkes in seiner Seele geweckt werden, daß es sich zutiefst seiner Aufgabe, seines Wesens, seiner Verfehlungen bewußt wird, daß es den Sinn seines Lebens # begreift und mit aller Intensität an die schaffende Arbeit geht, daß aber auch die kleinste mechanische Arbeit der Hände von dem heiligen Hauch des Geistes erfüllt wird. Echte Aktivität kann nur aus einem gefestigten Ich strömen. Wenn in den Tiefen der Seele ein inniges und starkes Gefühl für die in der Wirklichkeit des Lebens zu lösende Aufgabe lebt, wenn vor allem das Bewußtsein des höchsten Wertes dieser Aufgabe feststeht, dann wird dieser Seelenzustand sich auch nach außen in stolzer Sicherheit, in hingebungsvoller Opferbereitschaft und im Einsatz aller aktivierbaren Kräfte bezeugen. Ein solches Leben voll inneren Reichtums wird von selbst, gewissermaßen als Nebenprodukt, einen Willen zur Behauptung gegen feindliche Mächte erzeugen. Selbst die Romantik mit ihrer nach innen gekehrten Geistigkeit hat nicht nur das Gefühlsleben befruchtet, sondern durch Steigerung des Ichbewußtseins und Lebensdranges das Leben der Völker mit