Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Aktivistische Verirrungen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 430 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Aktivistische Verirrungen "Wladimir Jabotinski, früher Leutnant der jüdischen Legion, die seiner Agitation ihre Entstehung verdankt, jetzt Chefredakteur der national-liberalen „Chadschoth haarez" in Jerusalem, ist entzückt davon, daß der Verlag Stybel eine hebräische Übersetzung des Romanes „Mit Feuer und Schwert" von Sienkiewicz herausgegeben hat. Weiß Gott, welchen Grund die Lektoren des Verlages, der in seiner wahllosen und richtungslosen Produktion wahrlich die geistige Verantwortung für die junge hebräische Literatur nicht immer klar bewußt zu haben scheint, zur Ausgabe gerade dieses Werkes veranlaßt hat. Die hebräische Literatur ist noch arm; jedes neue Buch ist ein Ereignis, das mit großer Empfänglichkeit aufgenommen wird und tiefgehende Wirkung übt, was ein Grund mehr dafür sein sollte, besonders bei Übersetzungen aus dem ungeheuren Reichtum der Weltliteratur wählerisch zu sein. Gute Bücher anderer Völker können unsere Literatur befruchten, darüber hinaus aber den Gesichtskreis erweitern und erzieherisch auf das Volk wirken, das in seiner geistigen Entwicklung gerade in dieser Zeit des Überganges leicht beeinflußbar ist. Jabotinski aber begrüßt diese Neuerscheinung gerade aus diesem Grunde; er begründet dies mit folgender Überlegung: Die ganze schöne Literatur der Völker kann man in zwei große Gebiete scheiden: in Literatur der Handlung und Literatur der Betrachtung. Zur ersten Art gehören Schriftsteller aller Völker, z. B. Walter Scott, Boccaccio, Dickens, Cervantes, Hugo, Zola, Gogol, Spielhagen, Bret Harte, Cooper, Conan Doyle, Balzac, zur zweiten Art gehört der größte Teil der nordischen und russischen Schriftsteller. Genaue Grenzen lassen sich zwar nicht ziehen, dennoch ist uns allen der Unterschied zwischen einer Literatur, die auf lebendiger Phantasie, auf Darstellung von Begebenheiten, Kampf und Abwehr, auf Bewegung von Menschen und dem Wechsel der Situationen beruht, — und einer Literatur, die sich in die Seele vertieft, ohne bei dem Geschehnis zu verweilen, klar. Noch ist nicht jener Kritiker aufgestanden, der uns sagen könnte, welche der beiden Gattungen die wertvollere ist. Nehmen wir an, es seien beide gleich gut, nur jede an ihrem Ort und zu ihrer Zeit; für uns, ein werdendes Volk, ist ohne Zweifel eine Literatur vonnöten, die zur Aktivität antreibt. Wir brauchen ein unternehmendes, bauendes Geschlecht, gerüstet für alle Art Widerstände und Wechselfälle, tauglich, im verschlungensten Dickicht seinen Weg zu finden. Wir brauchen junge Menschen, die auf dem Pferd zu reiten, auf Bäume zu klettern, im Wasser zu schwimmen, mit Faust und Gewehr umzugehen verstehen, Menschen klaren Verstandes und starken Willens, der im Kampfe ums Dasein nach Ausdruck ringt. Dostojewski oder Knut Hamsun werden uns ein solches Geschlecht nicht erziehen. In der nun bevorstehenden Epoche unseres Lebens ist kein Platz für komplizierte Wesen, die sich in die eigene Seele versenken und ihre eigenen Gefühle mit peinlicher Genauigkeit nach Breite und Tiefe messen. Unsere wahre innere Welt ist noch nicht geschaffen, wir haben noch keinen Gegenstand für solche Betrachtung; die äußere Welt aber harrt unser, in ihr haben wir zu wirken und zu bauen. Unsere Originalliteratur wird diesem Bedürfnis nicht gerecht. Nirgends ist in ihr Aktivität, Bewegung, Geschehen, Dynamik. Das Leben, das sie schildert, ist Starre und Öde. Das Drama vollzieht sich in den tiefsten Tiefen der Seele — ein Sturm im Wasserglas. Befremdlich ist diese Erscheinung angesichts der Tatsache, daß die letzten Jahre unser Leben vielleicht nur allzusehr mit Dynamik erfüllt haben: die Auswanderung, die Revolutionen, die Selbstwehr, Polen, der Schomer sind einige Beispiele. Aber der hebräische Schriftsteller hält sich fern von diesem Stoff kreis und konzentriert sich auf das Innenleben. Das ist ein Symptom unserer nationalen Krankheit, und wenn wir für diese Krankheit kein eigenes Heilmittel haben, so nehmen wir es aus dem Schatz unserer Nachbarn.