Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Aktivistische Verirrungen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 432 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Bemerkungen elementarem Zwang zu Taten getrieben. Sienkiewicz und Kino können höchstens durch Weckung eines äußerlichen, etwas frivolen Nachahmungstriebes Tatenlust erzeugen, der jede tiefere Berechtigung und jede sittliche Verantwortung fehlt; wenn wir nur Marionetten sind, deren Lust möglichste Beweglichkeit der Glieder ist, so müssen wir am sichersten zerbrechen. Heute steht das warnende Beispiel Europas (und in gewissem Sinn Amerikas, wofern wir uns nicht durch den materiellen Erfolg verblüffen lassen) mit furchtbarer Deutlichkeit vor unseren Augen. Es ist, als ob die Geschichte uns diese Erfahrung noch bescheren wollte, bevor wir an den Aufbau unseres neuen Lebens schreiten. Die europäische Welt ist die Welt des sinnlosen Getues, der Technik, des Militarismus, des Kapitalismus; dieser Welt und ihren repräsentativen Menschen ist die unmittelbare Beziehung zur Innerlichkeit, zum Geiste abhanden gekommen. Hüten wir uns mit den Maßstäben dieser Welt zu messen, in der sich der Erfolg durch Zahlen und materielle Größen ausdrückt! Hier ist die Sucht nach Macht und Geld die Triebfeder der Aktivität. Diese Aktivität kann unser Vorbild nicht sein. Soll uns der Fluch des Europäismus in unser jungfräuliches Land verfolgen? Aus Jabotinskis Rede spüren wir Anzeichen dieses Verhängnisses. (Übrigens auch aus den riesigen Kinoinseraten unserer bürgerlichen hebräischen Presse in Palästina.) Bevor wir noch Ruhe gefunden, uns auf unser Werk zu besinnen, beginnt ohnedies schon die ratternde Geschäftigkeit sich breitzumachen, die auch Jabotinski verurteilt; aber er sieht nicht, daß vor dieser Gefahr nicht Abenteurertum und Militarismus, sondern nur Besinnung retten kann, daß Zielbewußtsein, Ernst und Verantwortung nicht aus Aktivismus, sondern nur aus dem rechten Geist quellen kann. Unsere wichtigste pädagogische Aufgabe ist wahrhaftig nicht, Schießübungen und Faustkämpfe zu veranstalten, sondern die Idee des Judentums in den Herzen zu erwecken, den schlummernden Funken zu einem mächtigen Brand anzufachen, alle verhaltene Sehnsucht, allen Enthusiasmus der nationalen Befreiung für dieses Ziel fruchtbar zu machen. Nur ein starker Geist wird uns zur Behauptung unserer nationalen Existenz befähigen; mit den Mitteln dieser untergehenden Welt des Militarismus werden wir niemals eine Bedeutung erlangen können. Wenn wir nicht Waffen haben, die stärker sind als Kanonen und giftige Gase, dann wird jeder Kampf vergeblich sein und jeder Gegner uns zermalmen können. Es ist ein Irrglaube, daß unser nationaler Ehrgeiz darin liegen müsse, ein Volk zu werden wie andere Völker; daß wir aus Anpassung an diese Welt all ihren Wahnsinn mitmachen müssen. Wir verneinen ein System, in dem ungeistige Zwecke eine Suspension des Ethischen rechtfertigen. Selbst in Europa erleben wir, daß die vergewaltigte Menschlichkeit sich gegen dieses System aufbäumt, vielfach gespeist von jüdischen Energien; wir aber wollen von Anfang an diesen Weg nicht mitmachen. Die pädagogische Maxime Jabotinskis ist eine bedenkliche Verirrung. Gewiß brauchen wir auch eine Ausbildung des Körpers, gesundes Körpergefühl, gestählte Muskeln, behende Glieder, wache Sinne; aber diese Eigenschaften dürfen keinen autonomen Wirkungskreis haben, nicht in Roheit und Rauflust sich entladen, sondern sie müssen Attribute des ganzen, einheitlichen Menschen sein, der durch sein geistiges Wesen Bestimmung und Adel empfängt. Die geistigen Güter, die dem Volk vermittelt werden, müssen der Läuterung und Veredelung des Menschen dienen, nicht seiner Entfesselung. Für diesen Zweck halten wir von fremden Werken — von der eigenen Literatur ist hier abzusehen, ebenso folgen wir Jabotinski in der Beschränkung auf die „schöne" Literatur — allerdings Dostojewski und Knut Hamsun geeigneter als Sienkiewicz; ebenso Goethes „Wilhelm Meister", Ibsens „Brand", Hölderlins „Hyperion", um nur einige Beispiele zu nennen, die Jabotinski wahrscheinlich in die „betrachtende" Literatur einreihen wird. Jedoch auch Homer und Shakespeare und die großen Meister der „Handlung" werden veredelnde und erhebende Wirkung haben wie alles wahrhaft Große. Denn es handelt sich nicht darum, richtungslosen Tatendrang in den Herzen zu erzeugen, sondern darum, große Ideale vor ihnen aufzurichten, das Gefühl für Wahrheit, Schönheit, Adel, Größe in ihnen zu beleben. Die falschen Ideale einer lügnerischen Scheinwelt, den Kitsch und die Perversität der modernen europäischen Kultur, Kino, Raubmord und Militarismus sollten wir lieber fernhalten. Die höchsten Werte des Geistes sind es, die allein auch in der Wirklichkeit des Lebens aktive Kräfte in schöpferische Bewegung setzen, denn sie fordern nicht zur „Betrachtung", sondern zur Verwirklichung heraus. „Feuer und Schwert" ist keine Thora für uns. Robert Weltsch Für die Redaktion verantwortlich: Siegfried Lehmann, Berlin W 30, Eisenacherstr. 29. — Für Österreich; Dr. M. Prager, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig»