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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 9 · p. 427

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 9
Article
Chanukka-Sabbat in der großen Wilnaer Schul
Date
1919-01-01
Page
427 (sequence 2)
Language
German
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Chanukka-Sabbat in der großen Wilnaer Schul 427 Dem Vorbeter antwortet ein Chor, der hinter ihm steht Helle Stimmen, die anklingen, sich überklingen, reife Männer, die sie umfassen und in ihre Mitte nehmen, schwarze Bäße. Aus allem ein Jubel, ein Aufrühren, ein Hochströmen, Töne, welche wie Fenster sind, die dem Licht ganz aufgeschlagen werden, und wieder Stimmchen, die einen letzten Schimmer hinabtragen aus den farbigen Fenstern einer anderen Welt. Es klingt wie Orgelbrausen, wie Geigenstreichen, Posaunen wollen einfallen, und es sind doch nur Menschen, nichts als die Stimme von Menschen, Alte und Junge, hinter den Vorbeter getreten, versammelt, um sich auszugeben, auszuhauchen im Gottesdienst, umjubelt von Harmonie, gestaltet von Kunst, und eingehend und sich vereinigend mit jener großen umfassenden Stimme, die die Stimme des Höchsten ist, heute am Sabbat, in der Wilnaer großen Schul, die Stimme des Vertreters Gottes in dieser Halle, die Stimme des Vorbeters Herschmann. Die Gemeinde, die Juden, der neben mir, der links, die um mich, sie alle sind atemlos in diesem Singen. Kopf an Kopf mit strahlenden Blicken stehen sie wie in einer Bewegung erstarrt, hinstrebend zu jenem Gesang, der nicht aus äußerer Höhe kommt, sondern mitten aus ihnen hochwächst, sich erzeugt, aufsteigt, und der darum nur ein um so größeres Wunder ist, als dieses Unbegreifliche sich in ihrer leibhaftigen Mitte vollzieht. Sie hängen an den Lippen der Singenden, sie sprechen lautlos die Worte, sie wissen im voraus jeden Laut Hier sind die eigenen Gebete, ihre Gebete, hier sind die eigenen Stimmen, ihre Stimmen, hier sind bloß Menschen, Menschen wie sie, und doch: Gott steigt aus dieser ihrer Mitte empor, aus diesen ihren Gebeten, aus ihren eigenen Stimmen, aus Menschen, aus Sabbat Und wie sie jedes Wort, das anbraust, kennen, wissen sie: Nun wird der Ton sich überwölben, abfallen, aufhören, verstummen, zu Ende sein. Ihr Menschliches hat wieder Atem und Stimmen, ihre Stunde ruft, der Einzelne festgehalten darf sich loslassen, sich hinwerfen seinem Gotte, ganz mit ihm allein sein. Der Chor bricht ab. Und in diesem Augenblicke ist es, als wenn das Wasser über den Deich stürzt, als ob die festgehaltene Menge den Kordon durchbricht, Menschengewühl, Menschendurcheinanderlaufen. Jede äußere Ordnung ist vergessen, jeder ist für sich, spricht diese Worte, die für alle gelten, als wäre niemand außer ihm hier. Körper krümmen sich, Gesichter ziehen sich zusammen, Bärte umdüstern das Antlitz, und die Kinder beten um die Wette mit den Alten, die sich schütteln, sich nicht hemmen, sich gehen lassen. Denn niemand ist da, der es mit ansieht, sie sind allein, allein ein jeder mit seinem einzigen Gotte. Das Gebet ist verstummt, jeder ist mit den Segenssprüchen fertig, aber kein Gesang fällt ein. Unter die heilige Lade trägt ein Knabe ein Pult Nun steigt ganz in seinen Gebetmantel gehüllt ein hagerer bärtiger Mann empor und richtet sich auf vor der Gemeinde, vor der Menge - der Oberrabbiner von Wilna spricht Ich verstehe nur einzelne der jiddischen Worte, ich fühle nur etwas zu Herzen Sprechendes. Und wie ich um mich blicke, wie ich in die Gesichter sehe, die wie ein aufgeschlagenes leeres Buch die Worte in sich hineinschreiben lassen, da sehe ich es leibhaftig, wie einer, wie der dort oben zu Herzen redet ihr Wort laut werden läßt, zur Stimme formt, den Stab seines Vorgängers Mose hat, der das Wasser aus dem Felsen treibt. Chanukka ist es, Makkabaer-Fest Und aus dem unendlichen Unheil der Jahre, aus Schreckensgraus des Kriege^ aus dem Elend der Juden, aus Blutbädern der Pogrome steigt das Licht, die

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