Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Chanukka-Sabbat in der großen Wilnaer Schul
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 428 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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428 Martin Buber: kleine Kerze im Tempel des Herrn auf: Wiedererweckung, Wiederfinden zum Lande, zu sich, zu Gott — all dies nur viele Worte für ein Gefühl! Und unter den aus dem Angepreßtsein sich immer mehr befreienden Gebärden steigt vor meinen Augen ein Mensch auf, ein Körper, der ruhelos durch die Zeiten zog, immer auf dem Wege, ob gehetzt in der feuchten Stickluft der Krämerkeller, ob zur Ruhe sich zwingend in der Schul am Tage des Herrn, immer auf dem Wege — und der nun Land sieht, wirkliches Land, Boden, der ihn festhält. Und wie der Redende, die herausgeworfenen Worte wieder verschließend langsam die Treppe zur Gemeinde zurücksteigt, brennt das kleine Chanukka-Licht wie in eine riesige Fackel verwandelt hoch über den Menschen, den Säulen, dem Gesänge, dem Gewölbe der großen SchuL Ein alter Jude steigt die Treppe zur heiligen Lade empor, er küßt den Vorhang, ehe er ihn zurückzieht und die Tür der Lade öffnet. Der Kantor steigt nach, noch ein Dritter. Der erste reicht die eine Thora-Rolle dem Vorbeter, die zweite dem Zuletztkommenden, und nun wendet sich die Gruppe zu der Gemeinde, nun steht der Vorbeter wie der verkörperte Laut, der die Thora- Rolle umfaßt, nun hebt er an die Worte, auf die ein jeder wartet, denen ein jeder vorher sein Herz geöffnet hat, die hinreißenden Worte, den Ruf durch alle Jahrhunderte, jene Worte: im £ £ birto) ynp „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!" Aber heute sind diese Worte nach dieser Predigt, an diesem Feste, nicht wie sonst hinausgeschleudert unter das Volk, Kampfruf, Beschwörung trotz alledem, heute sind sie gesammelt, hochgehalten, nun als Wirklichkeit bejaht, wie erzene Tafeln aufgerichtet: Höre Israel! Du hast sie! Sie werden nicht sein, sie sind. Über allen Pogromen, über der Drohung, über aller Gefahr, die über dem Ghetto, über der Judenschaft Wilnas steht. Und mögen die Wochen, die kommen, uns äußerlich das Entsetzlichste bringen, Juda lebt, Zion ist aufgerichtet: Höre Israel! ... Und in dem Nachklingen der gefaßten, zur Ruhe gebrachten Töne trägt der Vorbeter, indem der Zug hinabsteigt, die Rolle der Thora in die Gemeinde, mitten hinein und hindurch durch das Volk. Breslau Friedrich Block DREI GESCHICHTEN VON DER MENSCHENLIEBE Das Herz Rabbi Mendele von Rymanow pflegte zu sagen, alle Menschen, die ihn angegangen hätten, um ihretwillen Gott zu bitten, zögen in der Stunde, da er das stille Gebet der achtzehn Segenssprüche spreche, durch seinen Sinn. Einst wunderte sich jemand, wie dies möglich sei, da die Zeit dazu doch nicht hinreiche. Der Rabbi antwortete: „Von jeder Not eines Juden gräbt sich eine Spur in mein Herz. In der Stunde des Gebetes öffne ich das Herz und sage: Herr der Welt, sieh an, was da geschrieben steht!"