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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 9 · p. 426

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 9
Article
Chanukka-Sabbat in der großen Wilnaer Schul
Date
1919-01-01
Page
426 (sequence 1)
Language
German
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426 Friedrich Block: CHANUKKA-SABBAT IN DER GROSSEN WILNAER SCHUL (1918) Sonnabend morgen. Sabbat! Die große Umwandlung im Judenviertel, die schon so oft verwundert vermerkt worden ist. Die Geschäfte, über die die eisernen Türen abwehrend heruntergelassen sind, das Geschrei, der Lärm, das Getriebe, das Aufgestörtsein, — verschwunden. Zwischen den leeren bunten Hausflächen gehen die Juden die schmale Rinne hinauf, der Alte mit dem Jungen, der Vater stolz mit seinen Söhnen, die Gebetbücher eingehüllt in samtene Überzüge, langsam, feierlich, zum Beten, zur Schul. Wir treten in die weiten Höfe der engen Judenstadt ein, in jenen unregelmäßigen Hof zuletzt, in welchem in jedem Hause, bei jedem Flur, hinter jeder Stufentreppe ein Betraum eingelassen ist. Jede hat andere Erinnerungen, in jeder haben andere Geistesgrößen gelernt und gebetet, und die Fülle der Synagogen reiht sich, Stück für Stück, wie Unterholz um den Gipfel, der sie überhöht und mit hinaufträgt, um die große „Schul". Wir gehen im Gewimmel der Beter, die hinein und hinaus gehen, die Stufen hinunter in eine Tiefe, und als wir am Ende unten in eine unterirdische Welt einzutauchen glauben, als wir durch die zweite Tür den großen Raum des Inneren betreten, werden wir unvermittelt der Tiefe wieder genommen, in die Höhe geführt, in eine befreiende, lebendige, sich türmende, aufgehende Weite. Ein großer Saal öffnet sich vor uns. Die mächtigen Säulenpfeiler tragen ein gewaltiges Gewölbe, in der Mitte baut sich in der Gestalt eines Tempels die Lesekanzel, und an der breiten Steinwand steht, von Treppen in die Höhe getrieben, über die Gemeinde emporgetragen, die heilige Lade, jetzt von samtenem, goldgesticktem Vorhang bedeckt, von den großen brennenden Kerzen eingesäumt. Zu ihren Füßen, wo die beiden seitlichen Treppen sich zusammenfinden, steht das Gebetpult des Vorbeters, steht heute der Vorbeter Herschmann. Welch ein Gegensatz! Die gewaltig aufatmende Fülle der weißen gewölbten Halle und der sich hochtürmenden Säulen, und unten darin in der Tiefe — Jude an Jude, Beter an Beter, klein, aneinandergepreßt, schwarzer Fleck an Fleck, nur den weißen Gebetmantel übergeworfen, und unter Hut oder Pelzmütze ein Gesicht emporgewendet, zerfurcht, zerbetet, mit weißen Propheten-Bärten, mit schweren braunen Augen und Händen, alte und junge, greise Finger, die in Gebetbüchern tasten, kleine Jungen, die überall zwischen den Bänken und an diese gepreßt bei ihrem Vater stehen, die Augen weit mit Wundern gefüllt, sie alle immer diesen Tag im Hause des Herrn versammelt, vereint, heimgefunden, dem Göttlichen anheimgegeben. Diesen Tag in der Woche, den aufweckenden Ruhetag, das Eingehen in die Gemeinschaft des Volkes und die Zwiesprache mit dem Gotte der Väter, der Kinder, mit dem Gotte Kol Jisroels, dem Ewigen. Unter ihnen steht unter der heiligen Lade der Vorbeter. Und als ich hineintrete, ist nur eins lebendig: die Stimme des einen Menschen, die wie eine neue Kuppel alles hochführt, umfaßt und übergipfelt. Die das Wogen tausendköpfiger Menge in einen Ton einschließt, es vor den Thron des Ewigen führt, und die doch nicht überschäumt, nicht entweicht, sondern den Tempel aus innerem Laut baut, ihn über alle wölbt, die Kuppel, welche das Ganze umschließt, zugleich entgegenbreitet dem Herrn, als müßte Gott sich niederlassen auf ihr.

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