Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zu Jaakobs Traum [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 424 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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424 Arnold Zweig: Ich will ja nur — mein Sohn — mich dir so tief verschulden, Daß ich — zur Sühne — dich erhöh* n vor allen darf! In dieser Nacht wird Jaakob, der Unterwerfer, zum Gottstreiter Jisro-El. 5- Zweierlei wird den Rang dieses dramatischen Gedichtes festsetzen: erstens, daß hier ein geistiger Prozeß von ungewöhnlicher Verschlungenheit restlos dichterische Gestaltung und Anschauung geworden ist; daß das Wesen des Judentums aus den Elementen, die uns bekannt sind, in die Gestalt Jaakobs eingegangen ist wie aus jener erst genannten Urzelle zwanglos entwickelt, also ohne die Gestalt zu sprengen oder zu verblassen. Der Jüngling — Symbol dafür, daß noch heute das Judentum jung, plastisch, zukunftsvoll ist — bleibt Jüngling, das Titanische in ihm ward in die Geistigkeit seines unendlichen liebenden Willens zu Gott aufgeschmolzen; der Mensch, der von der Höhe ins Tal hinuntergeht, ist trotz dieser verwandelnden Nacht ein Mensch. Und dieses zweite: daß ein Dichter hier die stolze und heiligende Apotheose seines Volkes aufgerichtet hat; daß er, den Kern sehend und nur ihn, in äußerster Hingabe und glücklichem Bekenntnis diesem verleumdeten, gehaßten und großen Volke ein Denkmal seines Wesens mutzusprechend schuf. Damit ist kein Jobber und Schieber, kein Händler und Schreiber gerechtfertigt: der Jude aber ist vor dem Forum geistiger Gültigkeit wieder einmal, und glanzvoll, leuchtend, liebend bestätigt worden. Festzustellen bleibt dabei, daß die Form dieses Werkes und seine Grundtendenz, seine eingeborene Gestalt, sich nicht decken. Während sein geistiger Gehalt, Extrakt der biblisch - mythischen Jaakobsfigur, innerlich deren Tempo, Griff, Gerecktheit und Reinheit zeigt, ist das formale Prinzip, das zum Aufbau der Handlung, zur Darstellung der Gestalten, zur endgültigen Fixierung jedes Verses führt, diesem Wollen der Gestalt entgegensetzt. Etwas Ruhig-Anschauliches, der Anschauung bildhaft Entgegenkommendes wirkt in jeder Szene und jeder Phase der Handlung, die Bühne ist nie voll wilder Geste sondern wird von schönen Gruppen und guter Haltung beherrscht; auf dieser Abgeschlossenheit des einzelnen Zustandes ruht ein Akzent, der sich dem wilden Fließen, Ringen, sich Brechen, sich Auftürmen der Jaakobsgestalt und ihrem Geiste entgegensetzt. Diese Form, edel, wohllautend, klassizistisch, ist zugleich sehr dekorativ und geschmackvoll farbig. Ich glaube nicht, daß nur der Unterschied einer Generation hier zum Ausdruck kommt, noch weniger, daß individuelle Anschauung der Meinung ist: man hätte sich auch aus Jaakob und seiner heißen, wüstenhaften Patriarchenwelt das Formprinzip entnommen denken können, das dann barbarischer, schreiender, ungestümer, zerrissener aber unmittelbarer, inbrünstiger, zyklopischer, den biblischen Jaakob aufs heftigste steigernd, eine völlig unvergeßliche und völlig notwendige, strömend-geschlossene Dichtung gegeben hätte. Es wäre natürlich lächerlich von Beer-Hofmann, dessen stiller geistiger Adel aus jedem seiner Verse leuchtet, etwas anderes zu erwarten oder zu verlangen als was er ist. Und sehr möglich, sehr wahrscheinlich, daß diese statuarische, helle und edle Form dem Gebilde eine größere Dauer und längere Leuchtkraft verbürgt, als jenes besäße, das wir aus Jaakob herauslesen. Nur: auf unsere Art wäre junger Titan, junge Formwelt und das junge, zu den Quellen zurückkehrende, vor seiner barbarischen Urwelt nicht scheuende Judentum in einem vielleicht sehr bedeutsamen Akt zusammengeschmolzen; das Junge im Juden, seine Radikalität käme so zu starkem Ausdruck.