Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zu Jaakobs Traum [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 423 (sequence 4)
- Language
- German
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Nach solcher Vorbereitung setzt der Kampf mit Gott ein. Jaakob und Gott: hier ist die allzugroße schauervolle Nähe eines Gottes gegeben, der auf die Frage nach dem Sinn des Zwiespalts in der Welt die Antwort verschweigt; zu der Aufgabe schweigt, die Jaakob über sich fühlt, den Grund des Leids aufzudecken und die Welt wieder zu einen. Diesem leidbereiten Menschen kann der Segen nichts gelten, den ihm die Engel sagen: das reiche, fruchtstrotzende Land, ein- Volk aus seinen Lenden und Könige seines Bluts; ihm muß, dazu fühlt er sich stark und bereit, eine andere Auserwähltheit blühen: da ihm die Antwort der Erzengel auf die Frage des Samael, Gottes Schattens, warum ER diese Erde so furchtbar voll der Qualen geschaffen habe: „Er schuf sie nicht, er schafft!" eine erhellende Antwort ist, und da er weiterhin erfährt, daß alles Bewegte und Bewegende, Flut und Feuer, Erz und Stürme, Tiere und Gestirne als Helfer der Schöpfung am Werke sind in Ewigkeit, will er für sich, wenn er wirklich erwählt sei, ein anderes Los als Erdfreude. Er, dem in so großer Jugend alle Unbefangenheit genommen ward, der das Leid weiß, den alles Stumme um Antwort bedrängt, will ersehen sein, der Erde stets von neuem Gottes ewigen Willen zu künden, auf Erden den Weg mitzuschreiten, den Gott im Himmel vollbringt, Gottes ewiger Anwalt vor den Menschen zu werden. Empörter Widerstand der Engel vermag ihn nur zu bestärken; er ist frei und stolz genug, Gott selbst aus seinem Eid zu lösen, falls er Vermessenes fordert: lieber sterben als die Gemeinschaft mit Gott aufgeben, die er sich ertrotzt. Aus dem Donner des Herrn hört und verkündet Michael die Wunscherfüllung: ewige Wanderschaft, ewige Zeugenschaft Jaakobs für seinen Gott. Samael widerredet: „in deine Seele legt Er als Wunsch, wozu Er dich verdammt!" und nun folgt großartig Michaels Jubelworten über Jaakobs, des Volkes, ewige heilige Sendung, durch die alle Länder Gott erkennen sollen, alles Weh zu Ihm erhoben wird, alle Menschengemeinschaft geadelt werden soll, dieselbe Vision in der furchtbaren Realität des Samael: Schande, Schande, Schande. Blut, Mord, Qual, Verachtung, Entseelung, Knechtschaft, Grauen. Heimatlose Hetze, Verfluchung, Beute jeder Willkür: „An dir zu freveln — wem wärs nicht erlaubt?" Und immer wieder, gegen Jaakobs verzweifelten Aufschrei, das Wissen des Samael, daß Gott sich seiner nicht erbarmen werde; daß er, noch im äußersten Elend die Gerechtigkeit preisend, dazu erkoren sei, schuldlos eben diese Gerechtigkeit zu erhärten — bis er in der Forderung gipfelt: „Laß ab von Ihm!" Jaakob aber kann nicht von ihm lassen. Eine unendliche Liebe zu Gott, wie er ist, drängt ihn zu seinem Vater, und trägt ihn in seligem Vertrauen auf Gottes Wesen und auf Kraft, Stolz und Geduld des Menschen zum Opfer: „Trägst Du Schuld, will mit ich tragen — Lade, Du Gott, auf meine Schultern Deine Schuld!" Antwortend aber auf die Beteuerung Samaels, Gott werde sich seiner sicher nicht erbarmen, und auf den empörten „Lügner"-Schrei der Erzengel erhebt sich Gottes Stimme selbst, um Jaakob zu entgegnen: Wahr ist Samaels Wort! Wenn andre, knieend, zum Erbarmer flehen Üb ich Erbarmen - wie der Herr am Knecht! Doch du - sollst aufrecht vor dem Vater stehen, Erbarmen - weigr' ich! Fordere du - dein Recht 1 Um meinen Namen magst du Un-Erhörtes dulden, Doch noch in Martern führ, daß ich - dich nie verwarf! (Die Stimme dunkelt; unendliche Liebe entströmt ihrem Klang.)