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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 9 · p. 425

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 9
Article
Zu Jaakobs Traum [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
425 (sequence 6)
Language
German
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Zu Jaakobs Traum 425 In Beer-Hofmanns Werk dagegen tritt etwas Entgegengesetztes ebenso stark ins Licht: das Reife und Geklärte im Juden. Wir haben ein fast lateinisches Formgefühl in uns, ein heftiges Verlangen nach runden, fertigen, still schwebenden Gebilden, und wir können sie, oder könnten sie. In der „jüdischen Renaissance" war solches Wünschen und Schaffen sehr stark; Bubers Prosa im „Baalschem" enthält alle ihre Elemente fast zum Schaden der Gestalten; in Hofmannsthal und Schnitzler walteten ähnliche Ströme, im jungen Wassermann, selbst in Gustav Landauer, des schamlos, ungerecht, ungerächt Ermordeten, herrlicher Prosa sind sie am Werke. Sie sind die Gabe unserer langen Dauer und unseres westlichen Seins: Kultur, Geschmack, Adel, Form wachsen auf so altem Humus des westlichen Judentums üppig. Und dies Beides erst, diese gemeinschaftliche Existenz beider einander widerstrebender Kräfte, der östlichbarbarischen, sozialistischen und diktatorischen und der westlich-formvollen, individualistischen und aristokratischen geben unser Wesen und unsere Hoffnung. Befruchtung und Steigerung aus Entgegengesetztem zu erfahren, Urzustand und Formwillen zu enthalten und eines über dem anderen nicht zu verwerfen sei einem Volke erlaubt, das von Fremden stets als Greis gesehen wird und das sich immer und immer wieder selbst als Knaben denkt, anschaut und gestaltet, weil es zu wissen glaubt, nicht welchen aber einen wie langen Weg es noch vor sich hat. Sechs Jahre seines Lebens hat Beer-Hofmann an dieses Werk gewendet; sie sind nicht vergebens gelebt worden, auch wenn die unablässige Arbeit der Form des Ganzen und Einzelnen nicht unbedingt genutzt hat. Die anti-naturalistische Aufgabe der Gestaltung von Symbolen, biblischer Gestalten und gar leuchtender Erzengel und ihrer Sphäre hat eine Gefahr, und ihr ist Beer-Hofmann bisweilen nicht entronnen: statt des Schönen, das absichtslos entsteht, das gewollt Schöne zu geben, das Allzuedle, das leicht Konventionelle und Glatte; Legendenglanz, aber ein wenig zu golden, zu romanisch farbenvoll, zu katholisch. Der Blankvers tut ein übriges, um diese Gefährdung zu erhöhen. Etwas von der Rauheit und Körnigkeit heutiger Sprachgestaltung wünscht man dem Gedicht, auch nach seinen eigenen Formabsichten aufgefaßt, bisweilen. Und sicher haben die Wesen Beer-Hofmanns vorläufig nicht die Gewalt, in unserem Bewußtsein sich an die Stelle der biblischen Gestalten zu setzen. Die Aufführung des Gedichts auf heutigen Bühnen, deren Optik aus farbigem Schmelz notwendig Theaterbuntheit machen muß und deren Gefahr, Stollwerkbilder zu stellen, die Dichtung nicht entgegentritt, wird wohl an diesem Sachverhalt nichts ändern. Aber nicht stark genug kann gesagt werden, wie wenig im Grunde auf solche Einwände ankommt — Einwände, die ein weniger starkes und geistiges Werk notwendig erschlügen — selbst wenn der Vers des Dichters nicht immer und immer wieder Herrliches klingen ließe; selbst wenn die Szene zwischen Jaakob und Idnibaal nicht eine vollkommen runde und gestaltete Dramenszene wäre (mit der tiefschönen Erzählung vom Geheimnis der Auserwähltheit Jerusalems), und selbst wenn die Gestalt Rebekas nicht groß am Eingang des Gedichtes sich erhöbe: das Ganze ist reif, edel und fertig. Hier hat der Jude sich selbst sein schweres Wesen gedeutet, sich selbst Mut zugesprochen und sich selbst bejaht: und dieses Ja, in deutsche Sprache adelnd eingeboren, wird stehen bleiben. Nun warten wir, warten mit Sehnsucht auf die Historie von König David. Starnberg bei München Arnold ZwClg

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