Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zu Jaakobs Traum [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 422 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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422 Arnold Zweig: heterogenen Bestandteilen wirklich eine Gestalt gegossen wurde, die jung, geistig und gesegnet leuchtet; trotz einer leicht übertriebenen Süße, die in Jaakobs Haltung dem neugeborenen Lamme gegenüber zum Ausdruck kommt, ein zarter, beseelter und auserwählter Jüngling, zu dessen Darstellung die Lamm-Episode nicht einmal nötig ist, und unnötig damit die (i. Mose, 32, 11) anti-biblische üppige Ausstattung des nach Haran fliehenden Jünglings mit Vieh — nur erfunden, um das Lamm im entscheidenden Augenblick gegenwärtig zu haben, nämlich um Edoms Pfeil aufzufangen; unnötig aber damit die Geste des lammtragenden Jünglings, die so stark an byzantinische Darstellungen des „guten Hirten" erinnert und erinnern soll. Diesem Jaakob ist die Überhebung über seinen Bruder fremd, ja es fehlt wenig, daß er ihn, den schlicht Lebenden, Ungequälten, Kraftfrohen, den glücklich Rätsellosen, von Gott Ungeplagten, den frohen Erdmenschen beneide, ihn, dem es gegeben ist, Gott in eine unschädliche Ferne zu rücken, der sich mit Vermittlern zwischen Mensch und Gott am wohlsten befindet, und dessen triebhaft ungeteiltes Sein, wie Jaakob wohl weiß, die Voraussetzung für die aufwühlende Sendung der Jaakob-Naturen bildet. Das (germanische) Symbol der Blutsbrüderschaft, in welchem die naturgegebene Spaltung der Brüder von Jaakob bejaht und überwunden wird, schließt bedeutend dies Zusammentreffen der einander feindlichen Gewalten, um Jaakob seiner eigentlichen Sendung zu entlassen: dem Kampf mit Gott. 4- Der Ringkampf zu Pniel als Struktur und dynamisches Prinzip in die Vision von Bethel hineingewirkt: das ist der Traum Jaakobs im Vorspiel. Ihm voran geht, die dämonische Natur des Orts, der Stunde und des Helden wundervoll einleitend, das Eingreifen dämonischer Kräfte in den Kampf mit Edom und, schönste Szenenlyrik der neueren Zeit, die Erlösung der stummen Natur, des Quells und des Steines zu Worten, zum Liede durch Jaakobs dichterisch wissende Seele: Jaakob: Wer spricht? Der Quell: Klingt es wie Sprache dir — Vernimmst du meinen Sinn, Weil du — weil du Jaakob bist? Ich rinne, rausche hin, Ein Quell, aus Tiefen brech' ich mir Durch Fels den Weg hieher — Weil du, Jaakob, mich vernimmst Bin ich nicht einsam mehr! Mir horcht nicht Kraut, Getier, Gestein — Des Herrn Gestirn ist weit — Nur ein Jaakob, der mich hört, Nimmt von mir Einsamkeit. Jaakob: Bist du so traurig? Der Quell: Was ich bin — Wie wüßt ich'sl Sag mir's du, Weil du — weil du Jaakob bist — Du neigst dich allem zu — Nimm mich mit dir — und hat dein Tag Für mich nicht Ruh noch Raum-- So laß allnächtlich rauschen mich Hin — durch Jaakobs Traum . . . (Motorische Grundnatur des Juden unterirdisch angedeutet.)