Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zu Jaakobs Traum [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 421 (sequence 2)
- Language
- German
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Zu Jaakobs Traum --________421 am Erfüllung dieses erzwungenen, erlisteten, erlittenen Segens noch erlebt: sich .„ Ende eines langen leid- und freudevollen Lebens, bald Flüchtling, bald Königs^ gast, als ganzes Volk aus seinen Lenden auf verheißener fruchttragender Erde auszubreiten. Ein Volk, das sich selbst so irdisch und zwiespältig an den Horizont seiner Urgeschichte stellt, weiß um die Dualität seines Wesens und hat den Mut zu ihr; weiß um die Blitze, die zwischen weitklaffenden Polen gewalttätig springen, erkämpft sich die Gewißheit seiner göttlichen Sendung gegen die eigene Schwäche und den Widerstand der Welt und löst die Frage nicht — stellt sie nicht einmal — ob es gesegnet ward, weil es gesiegt hat, oder ob es siegte, weil Gott es gesegnet: es fühlt sich gut, wie es auch sei. In Zeiten der Ethisierung und Schwächung aber wird ihm zum Vorwurf, was ihm früher jenseits moralischer Anzweifelung als Ideal gelten konnte; es sucht nach Rechtfertigung seines Stammvaters vor dem empfindlicheren Gefühl für Sittlichkeit, welches ihm seine Mittel und diese Wesensart verdenkt, ohne ihn doch als wahrhaft Gesegneten im ganzen verwerfen zu können; so legt es psychologisierend einen wichtigen Teil des nun Verneinten der Mutter zur Last, die ihren Liebling vorzieht, und arbeitet unermüdlich apologisierend an der Veredelung des Titanen zum Heiligen. In die Kette dieser sänftigenden Deuter stellt sich Beer-Hofmann als vorläufig letztes Glied. 3. Seine vertiefende und zugleich veredelnde Tätigkeit (aber ich weiß nicht, ob man so rauh-großartige Gebilde nicht verkleinert, indem man sie glättet) beginnt schon bei der Umwelt Jaakobs, bei allen Umständen des väterlichen Hauses. Jizchak verschwindet als Individualität ganz; seine ohnmächtige, irrende Menschlichkeit ist nur das Sprachrohr des Segens, der von Abraham kommt — Abraham, der aus dem Blute seines Sohnes langsam emportaucht wie aus tiefem Brunnen. Darum kann Jizchak in seinem trüben Bewußtsein irren, wer der Empfänger des Segens sein solle (in der Bibel hegt er die natürliche Liebe des Mannes zum männlichen Sohne und bekräftigt die natürlich-göttliche Ordnung der faktischen Erstgeburt). Nicht irren aber kann Rebekka, sie (in der Bibel nur die sorgende, den stilleren, häuslicheren, leicht lenkbaren Sohn vorziehende Mutter) wird im Drama fast zur Prophetin. Sie weiß, welchem ihrer Söhne dem Wesen nach der Segen Abrahams nur zugedacht sein kann, und so übt sie keinen Betrug aus, wenn sie, den irrenden Willen Jizchaks berichtigend, dennoch dem Berufenen zu seinem Gute verhilft: denn der Jäger und feldschweifende Mensch, der sich mit den Töchtern der Chitti vermischt, unbewußt, rauh, primitiv, wild, kann nicht Abrahams Erbe werden. Das Wesen des Menschen ist der Träger seiner Berufung, und dieses Wesen spricht laut für Jaakob. Beer- Hofmann gibt ihm die biblische Sanftheit, die ihn ganz und gar überglänzt, aber das ist nur die Urzelle für alles Fernere: er ist ein tief unschuldiger Knabe, durch Leiden und Mitleiden wissend, mit nach innen gekehrter Energie vom Problem des Leids gequält, unablässig denkend: er ringt mit Gott, der die Welt geschaffen und das Leid gesetzt hat; und indem er auch weiß und sieht, was er der Erfahrung nach nicht wissen und sehen könnte, ist er ein Dichter. Er will nicht töten und will sich nicht wehren; das Leid der Kreatur ist das seine; darum vermag er das Leid von Tier und Sklave auszusprechen und so zu heilen. Es ist die stärkste Tat der Dichtung, daß aus so modernen und