Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zu Jaakobs Traum [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 420 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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420 Arnold Zweig: ZU JAAKOBS TRAUM I. Ein mythisches Vorspiel voraufgesandt einer trilogischen David-Historie hat eine Bedeutung innerhalb des Ganzen und eine an sich. Von der ersten mag gemutmaßt werden, daß es die Historie von mythischen Elementen entlasten soll, indem es sie alle zusammenfaßt und der Phantasie des Lesers oder Zuschauers für die Dauer mitgibt — gleichsam Horizont, Himmel und Berghöhe des historischen Schauplatzes festlegend. Von der anderen ist hier zu reden: der Bedeutung des Jaakob-Mythos. 2. Junge tüchtige Völker stellen naiv und trotzig Heroen an den Anfang ihrer Geschichte, die das Wesen, das sie ausdrücken, ungeschmeichelt und ohne Schwächung wiedergeben: wilde und stolze Ehrlichkeit eines Volkes gegen sich. Der Odysseus des Homer — Mensch in jedem Augenblick, Betrüger, Lügner, Verleumder, Bettler, Dieb, dabei das heilige Bild der Heimat im Herzen unverlöschlich, stets mißtrauisch, immer noch eine List im Vorrat und unbeugsam, jede Erniedrigung gutheißend und sein Königtum nie aufgebend, endlich alle Schmach abwaschend in einem Saal voll Blut — war dem Griechen ein Heros ohne Abstrich, ein Idealbild von Männlichkeit, dem strahlenden Achill gleichgestellt, ein Liebling der Götter. Den Juden der heroischen Zeit ist neben Abraham, dem Freunde Gottes, Jaakob, Jizchaks und der Rebekka Sohn, eine solche Abspiegelung ihres Wesens. Beim Hosea, an einer Stelle, die die Wesensart des engeren Israel brandmarkt, heißt es: „Ja, er hat im Mutterleibe seinen Bruder untertreten und von allen Kräften mit Gott gekämpfet; er kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte und bat ihn; daselbst hat er ihn ja zu Beth-El gefunden, und daselbst hat er mit uns geredet.4' Ein Titan also, den das Geschick zum Kampfe mit Gott bestimmt vom Mutterleibe an: dies ist die Zelle, aus der sich die Gestalt bildet. Die genaue, bekannte Darstellung im Buche Bereschith häuft dann Merkmale und gibt ihm die Mittel eines sanften Gewaltverneiners zum Kampf mit dem Schicksal: Übervorteilung und Betrug, Inbrunst und rasender Wille zur Größe, zur Gemeinschaft mit Gott. Für den Juden der großen harten Zeit, das steht deutlich hinter dem biblischen Bericht, ist das ein Liebling und Gesegneter des Herrn, der, Zeichen seiner verzweifelten und grandiosen Berufung, zur Zweitgeburt bestimmt, den erstgeborenen Zwilling an der Ferse zurückhält; der später, das Aufwärts eines riesenhaften Kerls unlöschbar im Herzen, jenem starken Bruder und erdfrohen Jäger im Augenblick der Erschöpfung und lechzender Eßgier diese Erstgeburt für eine Speise entreißt; der die Blindheit des greisen sterbenden Vaters benutzt, seinen heiligen verheißenden Segen, wieder dem Ältesten bestimmt, betrügend abzufangen, und der, stets gegen Blutsfreunde gestellt, unablässig angestrengt, im Ringkampf der Schlauheit mit dem Oheim Laban schließlich zu siegen versteht; der aber auch eine ganze Nacht lang mit seinem in Mannsgestalt hintretenden Gotte erbittert ringt, um schließlich bei Tagesgrauen auch ihn zum Segnen zu zwingen — zum Segnen, das ist zum Einströmen aller magisch schicksalbindenden Kräfte in die Glücks- und Willensrichtung des Gesegneten und seines Geschicks—; der gewürdigt ward, die Heerscharen des Herrn im himmelöffnenden Traume zu Beth-El zu sehen, und der die wundervolle