Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Leben des Kindes im Cheder
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 416 (sequence 4)
- Language
- German
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4i6 E. M. Lipschütz: säuerten am Peßach-Vorabend, beim Ausschneiden von Papier in überlieferten Mustern für die Fenster sowie beim Herbeischaffen von grünen Kräutern und wohlriechenden Pflanzen für das Wochenfest, beim Bau des Sukkadaches und beim Ausschmücken der Sukka zum Hüttenfest, sowie beim Heranholen von Weiden für den Hoschanatag. Auch die Mahlzeiten mit den ihnen eigenen Speisen gaben jedem dieser Tage eine charakteristische Färbung. Die Geschichte der Diaspora spiegelt sich in diesen Festspeisen wie'der*). Die für das Wochenfest vorgeschriebenen milchigen Speisen, neugeerntete Früchte und Honig am Neujahrsabend, gefüllter Kohl am Thorafreudenfeste und Hamanstaschen und Naute am Purim — all dies übte einen eigenen Reiz aus. Den Kindern vorbehalten war das Neujahrsfest der Bäume" (15. Schewat), an dem man Früchte aus Palästina verzehrte. Ein eigenartiger Brauch wollte es, daß am Sabbat des Meerüberschreitungsliedes den Vögeln Grütze gestreut wurde. Die Synagoge mit ihrem wechselvollen Bilde prägte sich schon frühzeitig der kindlichen Vorstellung ein. Morgens betete man gemeinsam mit den Erwachsenen. Das Minchagebet im Cheder gab den Kindern Gelegenheit, die synagogalen Gebräuche selbständig auszuüben. Einer der Knaben fungierte als Vorbeter, und die anderen bemühten sich, das Gebet andachtsvoll mitzusprechen. Familienfeste boten den Kindern andere Freuden. Im Hause eines Neugeborenen vor der Beschneidung das Nachtgebet zu sprechen, galt als besonderes Vergnügen. Sie gingen dann mit dem Helfer an der Spitze in das Haus der Wöchnerin, wurden mit Kuchen und Wein bewirtet und sagten, dicht um den Helfer geschart, mit lauter Stimme die Segenssprüche über die gebotenen Leckerbissen. Danach sangen sie mit eigenartiger Melodie den Vers: ^NlIH (Gen. 48, 16) und den ersten Abschnitt des Schma. Zum Schluß wurden noch Gaben an die größeren Geschwister ausgeteilt und die Kinder nach Hause entlassen. Eine eigentümliche Feier fand zu Beginn des Pentateuchlernens statt. Über dieses Fest seien hier einige Worte gesagt**). Die Kinder kamen zu Beginn des neuen Semesters in den Chumesch-Cheder. War nicht der Eröffnung des Unterrichtes schon eine Feier im Kleinkinder-Cheder vorangegangen, so wurde sie einige Wochen später abgehalten. Sie gestaltete sich im Elternhause des betreffenden Knaben zu einem Familienfeste und erhielt den Wert einer großen *) Sabbat- und Feiertagsspeisen haben ein stark folkloristisches Interesse. Die Diasporawanderungen sind auf ihre Namen nicht ohne Einfluß geblieben. Diese Namen weisen auf ihre Geschichte hin; Sie sind zumeist aus Frankreich zu den deutschen Juden gekommen und tragen romanische Namen: Schalet, Pänizlech (getrocknete Brotschnitte, vom französischen pain mit der alten Endung), Naunt (Naute, eine Purimspeise aus Nüssen und Honig, die schon in den französischen Responsen wegen des Segensspruchea sehr oft unter diesem Namen erwähnt wird), Pitscheh (gekochte Kalbsfüße, entweder als Sülze oder mit Essig bereitet, zusammen mit den erwähnten Pänizlech eine im Osten sehr beliebte Vorspeise am Sabbat; der Name ist romanisch, im Spaniolischen pacca — Fuß). Wenn diese Namen auf französischen Ursprung der Speisen deuten, so sprechen andere Namen für Herkunft aus deutschen Landen: Kugel (Gugelhupf), Zimes (Zumus, in „Florian Geyer" von Hauptmann erwähnt). Zeichen der letzten Wanderung sind slawische Namen, z. B. Koilitsch, wie das geflochtene Sabbatbrot im Osten heißt. So sind die Festspeisen Meilensteine auf dem Wege jüdischer Wanderung. **) Über den Anfang des Unterrichtes mit Levitikus s. Midrasch Rabba Lev. 7, Pesikta Rabba 15, Jore de'a 245, in Baer heteb, eine Beschreibung dieser Feier bei R. A. Braudes, f,Haddat w'hachajjim".