Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Leben des Kindes im Cheder
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 415 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Leben des Kindes im Cheder 415 Unterhaltungen. Es braucht nicht Wunder zu nehmen, daß das aller Orten übliche Kriegsspiel der Jungen auch im Cheder heimisch war. Auch schritt man im Reigen und übte sich im Reifenspringen. Schließlich hatte man noch Bewegungsspiele wie „Kutscher und Pferd", „Verwechselt das Bäumchen" u. dergl. Besonders freudig wurden die beiden Festmahlzeiten begrüßt, die der Cheder für die Kinder veranstaltete. Das eine Mahl fand vor Peßach statt, wenn der Abendunterricht aufhörte. Die Kinder brachten das nötige Geld, einzelne Groschen, mit, und die Frau des Melammed besorgte dann Heringe und rote Rüben; wohlhabende Jungen steuerten noch Kuchen und Früchte bei. Auch die Kinder des Melammed gingen natürlich nicht leer aus. Den Abschluß des Festes bildeten Spiele im Beisein von Melammed und Helfern. Ein ähnliches Festmahl wurde im Talmud-Cheder beim Abschluß eines Traktats veranstaltet; daran nahmen auch die Erwachsenen teil. Das zweite derartige Fest wurde am Lag Baomer, das überhaupt als Kinderfest galt, im Freien veranstaltet. Der Melammed und die Helfer zogen mit den Schülern aufs Feld oder in den Wald; man lagerte sich und verzehrte die von der Mutter mitgegebenen guten Dinge. Dann schnitzten die Helfer Bogen und Pfeile, und es begann das Kriegs^ spiel. Etwas von dem Heldengeist der Schüler Rabbi Akibas lebte dabei in den Seelen der Kleinen anf und entfachte ihren Eifer immer wieder von neuem. Am neunten Ab zogen die Kinder, diesmal ohne Begleitung des Lehrers, mit Pfeil und Bogen und ins Hemd eingebundenen Knoblauchbündeln auf den Friedhof und führten dort Kampfspiele zur Erinnerung an Israels Heldenringen mit den Römern auf; hier ging selbstverständlich Juda als Sieger aus dem Kampf hervor. Lag die Ortschaft in der Nähe eines Flusses, so pflegte der Melammed mit den Helfern die Kinder im Sommer ein- bis zweimal in der Woche zum Baden zu führen. Da nach dem Talmud auch Schwimmen zu den Aufgaben der Jugenderziehung gehörte, so wurde auch dieses erlernt. Sabbat und Feiertage trugen festlichen Glanz in das Leben der Kleinen. Es war das „Judentum des Kindes", das in ihnen lebte, eine lichtere, freudigere Welt, die ihre Farbe jedem dieser Weihetage verlieh. Da gab es am Hüttenfest Fahnen mit den verschiedensten Bildern und Aufschriften. Auf den Fahnen wurden rotbäckige Äpfel und brennende Kerzen befestigt. Am Thorafreudenfeste wurden Umzüge um den Almemor veranstaltet, dann stellten sich die Kinder in Reihen auf und bedeckten die von den Erwachsenen vorübergetragenen Thorarollen mit inbrünstigen Küssen. Für das Chanukkafest hatte man das Trendel, jenen drehbaren Würfel mit der seltsamen Inschrift: w 'n 'J 'j. Geldgeschenke an diesem Tage, von Eltern und Verwandten gespendet, gaben dem Kinde einen Vorgeschmack der Freude am Besitz. Am Purimfeste hatte die Jugend das Vorrecht, während der Megillavorlesung bei Nennung des Haman-Namens mit Klappern zu lärmen. Vor allem waren es die Sederabende, an denen den Kindern - nämlich bei den vier Fragen— eine besondere Rolle zuerteilt wurde. In manchen Riten wurde geradezu Bedacht darauf genommen, daß die Kinder nicht einschlafen sollten. So wurden alle Feste den Kindern eine Quelle persönlicher Anteilnahme. Wie wuchs erst ihre Begeisterung, wenn sie gar bei den Vorbereitungen zu diesen Tagen mit Hand anlegen durften, wie beim Eintauchen der Geräte und der Verbrennung des Ge-