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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 9 · p. 414

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 9
Article
Das Leben des Kindes im Cheder
Date
1919-01-01
Page
414 (sequence 2)
Language
German
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414 E. M. Lipschütz: der Cheder dennoch bei den meisten seiner Zöglinge ein so leuchtendes Erinnerungsbild hinterlassen hat, wie sonst kaum eine Schule? Die Ursache liegt wohl vor allem darin, daß der Cheder die Haupterziehungsstätte des jüdischen Kindes bildete. Hier — nicht wie bei uns im Elternhause — verlebte es Jahr für Jahr den größten Teil des Tages, oft auch einen Teil der Nacht So empfing es im Cheder die bestimmenden Eindrücke der Kindheit, und es ist verständlich, daß an dieser Stätte der Glanz der Jugenderinnerung haften blieb. Allein dies ist sicherlich nicht das einzige Moment. Hören wir, was der Cheder dem jüdischen Kinde gab. Der Cheder schloß die Jugend zu einer wirklichen Gemeinschaft zusammen und schuf eine eigene, vielfarbige, stimmungsvolle Welt. Schon die für das Lernen so charakteristische melodische Weise, jener traditionelle Singsang prägte sich tief ein. Der Wochenabschnitt mit seinem Rezitativ, der Talmudabschnitt wieder mit ganz anderem Klange blieben unauslöschlich im Gedächtnis haften. Und dann das Erzählen von Geschichten in den Unterrichtspausen! Da gab es manchen Melammed, der gut zu erzählen wußte. Wundertaten der Zaddikim waren es, die in der Erzählungskunst der Chassidim die Hauptrolle spielten, bei den Mitnagdim dagegen die alten Sagen und Märchen, aus vorchassidischer Zeit. Auch Anekdoten aus dem Leben großer Thorakundiger wurden berichtet. Einen weiten Raum nahm in der Volkssage der damaligen Zeit jene mystische Kraft ein, die von der Lehre ausstrahlen sollte. Der neunte Ab und Chanukka riefen die mit diesen Tagen verknüpften Sagen und Legenden wach. Überhaupt war das Folklore im Cheder zu Hause; seine Träger waren nicht nur die Lehrer, sondern vor allem die Schüler. In der Dämmerung drängten sich die Kinder um Lehrer und Helfer, und dann wirkten Engel und Dämonen, Zauberer und Prinzen den gläubig Lauschenden Wunder. Auch eine reiche Kinderpoesie in jiddischer Sprache hatte im Cheder ihre Stätte und wurde eifrig gepflegt. Die Kinderlieder hatten nicht immer einen klar erkennbaren Sinn, denn der Text wurde leicht verderbt und der ursprüngliche Sinn der Worte verwischt; aber sie hatten ausgesprochen jüdischen Charakter. Auch Spottgedichte auf Schüler wurden gelegentlich verfaßt, ebenso gab es Rätsel, die die eigentümliche Atmosphäre des Cheders atmeten*). Spiele wurden im Cheder mit Eifer betrieben. Jede freie Stunde füllte man damit aus. Mit Nüssen und Knöpfen wurde das ganze Jahr hindurch gespielt; im Anschluß daran entwickelte sich unter den Jungen ein reger Tauschhandel. Für den neunten Ab wurden eifrig Kletten gesammelt; mit diesen bewarf man sich dann am Fasttage. Wie es im Markt und auf der Gasse zuging, wie der Melammed und die Helfer die Schüler unterrichteten und straften, wie der Rabbiner in der Gemeinde amtierte, kurz das ganze Tun und Treiben der Erwachsenen wurde im Spiel nachgeahmt. Auch Spiele, die auf biblische Inhalte Bezug nahmen, wie Josef und seine Brüder, Israel in Ägypten, David und Goliath, der Bau des Tempels, Ahasver und Haman (aus den Purimspielen der Helfer bekannt) und Israels Kriege mit Syrern und Römern boten beliebte *) Rätsel aus dem Talmud-Cheder: Wie hat man im Tempel den Vorhang vor dem Allerheiligsten am 9. Ab herunterholen dürfen? Wenn Kiddusch lebana, Habdala und Chanukkalichter-Benschen zusammentreffen, was wird zuerst getan?

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