Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Gedanken zur Gründung der jüdischen Universität in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 412 (sequence 6)
- Language
- German
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412 Ar je L. Rosenblatt: Gedanken zur Gründung der jüdischen Universität so hatte der Jude, wie kaum ein anderer, einen festen Sinn für Ordnung, Es mag für diese Tatsache etwa auf den geregelten Aufbau eines Sederabends hingewiesen werden oder auf die Zusammenstellung und Anordnung der Abschnitte und Bücher der Bibel und der Mischna in Sidroth und Sedarim. Auch die Ordnung der Welt nimmt der Jude schlechthin als seder olam hin. Überall hier gebraucht der Jude das Wort seder und weist hierdurch auf das ordnende Prinzip hin. Wir sehen, wie auch hierin dies begründet ist, daß der Jude auf Ordnung in seiner Lebenspraxis sehr viel geben wird, sofern er in ihr ihren sittlichen Kern erblicken wird. Dies wird er, wie begreiflich, in der Wissenschaft finden. Wir sollen auch hier, wo es sich um das Sittlichste alles Sittlichen handelt, um eine Wissenschaft des Lebens, ordnend und sichtend vorangehen und die Prinzipien und Theorien suchen, die die Lebenseinheit bis auf das Wesen zurückführen, das endlich infolge seines absoluten Immaterialismus darum auch völlig unausgesprochen bleiben muß. Es war dies einst der jüdische Gottesname. Man hat uns des öfteren den Vorwurf gemacht, wir hätten keinen Sinn für Leben und Natur. Gewiß ließen wir diesen im ästhetischen Sinne des Wortes oft vermissen und wohl glücklicherweise. Wären wir in unserer Lebenspraxis sinnlich bedingt, es hätte uns als Volk die sinnliche Reaktion, die sich aligewaltig in Jahrtausenden uns aufdrängte, lange schon von der Erdoberfläche weggeschwemmt. Diese wechselt nämlich ihre Objekte nicht allzu schwer, je nach den Verhältnissen. Die Schwierigkeit eines solchen Wechsels liegt stets in dem Übergewicht desjenigen Teiles der Lebensauffassung, der nicht mehr sinnlich bedingt ist. . . Gewiß aber mußten wir, selbst Lebens- und Naturwesen, in einem bestimmten Zusammenhange uns zum Leben und zur Natur äußern. Wie nun denn? Die Antwort ist: Wir wahrten unseren Zusammenhang zum Leben und zur Natur, um es an einem Beispiel zu zeigen, nicht in dem Sinne zwar, daß wir Totendenkmäler mit Blumenkränzen schmückten, wohl aber, indem wir die Konzeption schufen, daß, wenn die Gemeinde Israels inbrünstig ihre Gebete in den Bethäusern verrichtet, ein Engel, der Sachwalter der Gebete, diese aufnimmt und aus ihnen einen Kranz windet um das Haupt Gottes. Es ist dies Volkssage, die aber einen ästhetischen Naturgenuß unter einem ethischen Gesichtspunkte auffaßt. Ein anderes Beispiel: daß wir, selbst kein kriegerisches Volk, ein Gesetz aufzustellen wußten zum Zweck der Schonung des fruchttragenden Baums während eines Feldzuges; ebenso auch wußte die Sage zu behaupten, daß, wenn ein fruchttragender Baum zerstört wird, seine Stimme von einem Ende der Welt zum andern rufe. Dies ist Biologie in dem weitesten Sinne des Wortes. Es ist reine Schonung und Förderung des Lebens. Wir werden es wissen, die wissenschaftliche Basis für unsere auf das Leben gerichtete Praxis zu finden. Die Geschichte trägt ihre moralische Konsequenz in sich. Wie sie in einer kausal bedingten steten Entwicklung besteht, in der oft die gleichsam logisch sich orientierende Verallgemeinerung auf Kosten der Mannigfaltigkeit und Intensität differenzierter Kulturerscheinungen den Fortschritt nur scheinbar hemmt, so besteht sie in einer jeweiligen, jedem Weltengeschlechte eigenen Harmonie des Moralischen. Die Schwingungen sozusagen des Moralischen können in jeglichem bestimmten Zeitalter eine bestimmte Höhe und eine bestimmte Tiefe nicht übersteigen. Zu Zeiten Bachja ibn Pakudas würde der sittliche Mut und die sittliche Forderung eines Jesaja ein überspannter und darum ein disharmo-