Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Gedanken zur Gründung der jüdischen Universität in Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 411 (sequence 5)
- Language
- German
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Gedanken zur Gründung der jüdischen Universität in Palästina 411 Umweg war zwar ein Ordnen des Prinzips, aber für eine Praxis, deren Wesen auf Distanzierung zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Mensch beruhte. Die Theologie kann daher für uns höchstens als eine Wissenschaft zur Erkenntnis verhängnisvoller Denkfehler der philosophischen Disziplin eingereiht werden. Ihre negative Stellung darf nicht übersehen werden. Um so mehr werden wir, ein Volk mit einem so außerordentlichen Sinn für Leben in dem nicht relativen Sinn des Wortes, auch sicherlich diejenigen wissenschaftlichen Disziplinen mit einer ganz besonderen Intensität aufnehmen, die das Leben in seiner Unmittelbarkeit und größter Allgemeinheit umfassen, vor allem wohl die Biologie. Es kann kaum eine Tatsache mit größerer Sicherheit, behauptet werden, als diese, daß die Befreiung des Menschen von mittelalterlicher Weltanschauung mit dem Moment begann, wo der Mensch an das organisch sich bewegende, sich wandelnde und sich bildende Ding in der Natur mit der Frage nach dem Gesetze dieser Bewegungen, Wandlungen und Bildungen heranging. Dies geschah vornehmlich im 16. Jahrhundert. Indem aber dem Dinge ein Recht auf seine Eigenschaft und Eigentümlichkeit zugesprochen wurde, bildeten sich auch humane Denkweisen, die den Menschen als solchen und das Volk als solches als berechtigte Glieder der Gesellschaft zu betrachten begannen. Wohl sind Jahrhunderte wieder vergangen. Das auf seine Einzelexistenz hin befragte Ding konnte Jahrhunderte hindurch nur stumm und materiell mit einem physikalisch-chemischen Gesetz antworten. So weit war der Fortschritt indes gediehen, daß man auch, wie gesagt, die Einzelexistenz einer Nation und eines Menschen als berechtigt empfand. In einer so denkenden Zeit konnte sich nach und nach auch ein „jüdischer" Anspruch geltend machen, um sporadisch und vereinzelt hier und da auch erhört zu werden. Die letzten Jahrzehnte haben die Wissenschaft mit einem früher ungeahnten Ruck gefördert. Das Gesetz der Erhaltung der Energie beruht auf einer Verallgemeinerung, die nicht mehr metaphysischer und theologischer Natur ist, wohl aber im immanenten Sinne gefaßt ist. Spinoza hat diesem Gesetz prophetisch wie jüdisch vorgearbeitet durch den Satz: Deus est omnium rerum causa immanens. In diesem Falle wird das Leben in den Dingen gesucht und ausgedrückt durch die lebende Substanz, die Lebenseinheit, oder wie dies sonst genannt sein mag. Die Gesellschaft, in allen Jahrhunderten von der Wissenschaft, sofern sie es nur war, geleitet, stellt auch jetzt ganz im Einklänge mit der modernen Wissenschaft ihre Ansprüche auf Leben. Die menschliche Gesellschaft kämpft und ringt und ihr Leitmotiv ist: Freies Leben. Es mögen den Methoden Irrwege zugrunde liegen, nie aber den Ansprüchen selbst. Für den Juden aber öffnen sich hier neue Wege. Er kann und soll seinen Anspruch auf Leben erheben und nicht bloß in dem Sinne, daß er in den Besitz des Gefäßes gelange, das sein politisch nationales Leben aufnimmt. Körperlich auf diese Weise gesundet soll er dann das ewige Orakel des praktischen Lebens, die Wissenschaft, zum Hauptfaktor seines Daseins machen. Wir sind und waren nur dann groß, wenn es uns um einen sittlichen Kern ging. Wir ließen zwar oft Unordnung in unserem eigenen materiellen Haushalt walten, weil der Jude diesen als moralisch gleichgültig betrachtete. Wohl hat auch die Umgebung draußen, die seinen Sinn für ästhetische Orientierung und Ordnung abgestumpft hatte, nicht wenig dazu beigetragen. Dennoch aber, kam es darauf an, die Lebenspraxis nach einem sittlichen Moment zu orientieren,