Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 406 (sequence 13)
- Language
- German
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406 Alfred E. Zimmern: Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina Das ist eine der Schwierigkeiten, die ins Auge gefaßt werden müssen. Und nichts anderes wird mehr dazu beitragen, sie zu beheben, als die Förderung von Vorträgen unter Leitung der Universität, in denen die Leute nicht nur Eindrücke zu vermitteln, sondern verantwortliche Überzeugungen und Anregungen zu vertreten haben werden. Auf diese Weise wird die Universität mehr sein als eine debattierende Gesellschaft, sie wird eine erzieherische Grundlage legen für politische Verantwortlichkeit, und wenn diese Arbeit gelingt, so wird sie, das hoffe ich, dazu beitragen, die Prüfungszeit, die der Bewilligung einer vollkommenen Selbstregierung vorausgehen muß, wesentlich abzukürzen. Viertens sollte die Universität ein Zentrum sein zur Bildung des Geschmacks im weitesten Sinne des Wortes, was ich als ein sehr wichtiges Moment betrachte. Zweitausend Jahre lang hat die jüdische Seele sich nur nach innen gekehrt und die Außenwelt fast vollkommen ignoriert. Das eigentliche Leben der Juden war ein Traumleben. Eine Folge davon ist, daß der jüdische Sinn für äußere Form und Schönheit zu einem hohen Grad vertrocknet ist. Palästina ist ein viel schöneres Land als Griechenland, aber der Besucher verläßt es nicht mit dem Gefühl, daß die jüdischen Ansiedlungen der Landschaft harmonisch angepaßt sind. Die Juden haben Häuser und Scheunen gebaut, aber ihre Bauten bilden keinen natürlichen Teil der Landschaft, wie z. B, ein toskanisches Landgut mit der Landschaft von Toskana harmoniert. Man darf, glaube ich, sogar sagen, daß die deutschen Niederlassungen von Wilhelma und Sarona malerischer sind und besser in die Landschaft passen, als die jüdischen Ansiedlungen. Das liegt nicht etwa daran, daß die Deutschen etwa mit Palästina inniger verwachsen wären, sondern daß die Juden die Schönheit der Form nicht in Betracht gezogen haben. Sie haben nur daran gedacht, in das Land zurückzukehren, ihre Ausbeute mit beiden Händen zu ergreifen und Existenzmittel daraus zu ziehen. Eine Folge davon, wenn der Jude größere Selbständigkeit erwirbt, wird sein, daß er auch seine Augen gebrauchen lernt, und wir dürfen sicher hoffen, daß, wenn er das tut, jüdische Kunst dem menschlichen Fortschritt ebenso große Beiträge liefern wird wie jüdische Philosophie oder Musik. Schließlich sollte die jüdische Universität ein Band sein, das sie mit der äußeren Welt und mit den andern jüdischen Gebieten verbindet. Sie sollte nicht nur das Zentrum von Jüdisch-Palästina sein, sondern das der ganzen jüdischen Welt. Um es epigrammatisch auszudrücken: wenn sie bloß national bleibt, wird sie provinzial werden. Sie muß mehr als national sein, sie muß einen Einfluß auf die Juden auf der ganzen Welt ausüben. Und in einem noch weiteren Sinn hat sie international zu sein und als Bindeglied zu wirken zwischen Juden und Nichtjuden und besonders zwischen Juden und Arabern. Und endlich sollte die Universität nicht nur ein Bindeglied sein zwischen Juden und Nichtjuden und zwischen Ost und West, sondern auch zwischen der Gedankenwelt, in der die Juden anerkannte Meister sind, und der materiellen äußeren Welt. Die Juden sind zu lange ein Volk der Bücher gewesen oder das Volk eines Buchs. Sie müssen, einmal wieder ihren vollen Anteil haben an dem lebendigen Leben der äußeren Welt. Jeder Jude empfindet eine zu starke Neigung zum Studium und verläßt sich zu viel auf das gedruckte Wort. Das ist eine natürliche Folge des Lebens in der Diaspora. Diesem Mangel sind Universitäten und Akademien besonders ausgesetzt und er hat viel dazu getan, ihren Einfluß zu schwächen, besonders in den englisch sprechenden Ländern.