Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 405 (sequence 12)
- Language
- German
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Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina 405 Sie sind im besten Sinn des Wortes Juden, trotzdem sie viele Jahrhunderte lang in Arabien gelebt haben. fe Viertens haben wir die Universität als das wirkliche Zentrum und anregende Moment des intellektuellen Teils von Jüdisch-Palästina zu betrachten. Für die neue Universität sehe ich fünf Arbeitsgebiete. Erstens sollte sie, wie Dr. Weizmann sagt, ein Zentrum für Forschungen aller Art sein, mit besonderer Berücksichtigung von palästinensischen Problemen. Diese Universität sollten wir zu einem weltberühmten Laboratorium von Forschungen in allen Zweigen des Wissens gestalten. Zweitens sollte die Universität ein Zentrum sein für viele Formen der Volkserziehung, der Erziehung für die erwachsenen Mitglieder der palästinensischen Gemeinschaft. Es sollte ihnen zur Gewohnheit werden, für bestimmte Lehrvorträge nach Jerusalem zu gehen, in der Zeit, in der die landwirtschaftliche Arbeit ruht, denn ich denke mir Palästina zunächst als landwirtschaftliche Gemeinschaft. In der Universität von Wisconsin habe ich Landwirte durch die Korridore der Universität gehen sehen, die offenbar da ganz zu Hause waren. Sie kommen Jahr für Jahr um die Weihnachtszeit, Vorträge zu hören, oft über ihr eigenes besonderes Arbeitsgebiet, manchmal auch über andere Themata. Das sollte in Palästina durchaus gebräuchlich werden, wo es sich viel leichter machen ließe als in Wisconsin. Das Land ist klein und wird, so hoffe ich, bald ein gutes Verkehrssystem haben. Die Universität müßte einen eigenen Park von Motorfahrzeugen besitzen, damit man in wenigen Stunden von Jerusalem nach den meisten Kolonien kommen könnte. Auf diese Art wäre es keine Schwierigkeit für die Universität, Studenten zu den Vorträgen heranzuziehen oder Glieder aus ihrem Stab zur Anregung und Belehrung nach irgendeinem Teil der jüdischen Gemeinschaft zu senden. Drittens sollte die Universität als Richterin in sozialer Gerechtigkeit gelten. Lehrer und Studenten müßten die alten jüdischen Ideale auf die modernen palästinensischen Verhältnisse anwenden lernen. Wir reden viel von jüdischen sozialen Idealen, aber es ist viel leichter von ihnen zu reden, als sie auf die verwickelten Verhältnisse des palästinensischen Lebens anzuwenden. Ein großer Teil der Schwierigkeiten, die jetzt in Palästina herrschen, kommt daher, daß diese Probleme nicht genügend von dem palästinensischen Standpunkt aus betrachtet worden sind. Sie werden von dem Standpunkt der Pflanzer, der Arbeiter, der Marxisten — von jedem Gesichtspunkt aus betrachtet außer von dem von Jüdisch-Palästina. Wenn die Universität Vorträge halten ließe, in denen alle Gedankenrichtungen vertreten wären, in denen diese Fragen gründlich durchgesprochen würden, in einer Atmosphäre akademischer Besonnenheit und Überlegung, würden verschiedene, jetzt unüberwindlich erscheinende Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt. Ich möchte noch hinzufügen, daß nach meiner Ansicht eine derartige politische Erziehung, wie sie durch solche Vorträge vermittelt würde, für die Juden ein besonderes Bedürfnis ist, denn die meisten Juden, die der palästinensischen Gemeinschaft angehören werden, kommen wohl aus Ländern, wo sie nur ein geringeres Verständnis für politische Verantwortlichkeit erwerben konnten. Wenn man mit palästinensischen Juden spricht, hat man oft den Eindruck, daß sie d*e Regierungen als lästig, im besten Fall als notwendiges Übel betrachten. Sie haben nie vorher in einem freien Land gelebt, wo sie durch ihre eignen Meinungen und Handlungen die Politik der Regierungen beeinflussen konnten