Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 404 (sequence 11)
- Language
- German
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404 Alfred E. Zimmern: der Männer, sympathischer Männer sicherten, fähig, den wahren Geist des Lebens in den Kolonien zu verstehen und zu verbreiten. Diese Männer sollten einige Wochen oder Monate in verschiedenen Kolonien verleben und das geistige Leben dort sozusagen in Fluß bringen, sie sollten Bücher hintragen, Noten, Wissenschaft, ihnen in den verschiedenen Richtungen Anregung geben und hinwieder von ihnen lernen. Dieses würde die notwendige Verbindung herstellen, an der es gegenwärtig so sehr fehlt, zwischen dem Erziehungssystem der Buchgelehrten — dem Lernen aus Büchern, dem alle Juden sich so gerne hingeben — und den praktischen Erfahrungen der Kolonien. Wenn man sieht, was in dieser Beziehung in Dänemark und in England geschehen ist, sollte ich denken, daß der Vorschlag vielleicht nicht so unpraktisch wäre, als er klingt. Eine Reihe von Einrichtungen könnten aus ihm entstehen — Reisebibliotheken, eine Neubelebung des Dramas, philosophische Vereine, landwirtschaftliche Ausstellungen und andere Dinge dieser Art. Es bedarf dazu vor allem nur, daß die Vermittler hin- und herreisen und den Kolonien die Möglichkeit geben, sich den anderen Gemeinschaften mitzuteilen. Zweitens sollte der Studiengang in allen Anstalten, die von der zionistischen Vereinigung subventioniert sind, eine entschiedenere nationale und berufliche Richtung haben. Das Gymnasium in Jaffa sollte nicht eine hebräische Lesart einer europäischen Anstalt sein, sondern eine durchaus jüdische Institution. Es sollte Studenten heranbilden, die nicht nur in Palästina leben, sondern vom Leben in Palästina Anregungen empfangen und es fördern wollen. Wenn dieser Gedanke alle Schulen durchdränge, so wäre es nicht so gefährlich, mangels vorgeschrittener Lehrmethoden in Palästina die Studenten nach Europa zu schicken. Viele von diesen Studenten haben den berechtigten Wunsch, ihre Bildung in Europa zu vervollkommnen. Gegenwärtig muß man fürchten, daß, wenn sie einmal gegangen sind, sie nicht wiederkommen, und zwar, weil der nationale Geist nicht genügend entwickelt ist. Dem kann durch eine Reform des Lehrgangs nicht abgeholfen werden. Der Fehler liegt bei der Persönlichkeit der Lehrer. Drittens sollte das Erziehungssystem demokratisch sein. Meinem Dafürhalten nach müßte das Streben der Bewegung dahin gehen, eine einzige aligemeine öffentliche Schule für alle Sektionen der jüdischen Gemeinschaft zu errichten. Die wahre Schwierigkeit ist eine Klassenschwierigkeit. Man sagt uns, daß, wenn die Jemeniten dieselbe Schule besuchten, wie die Kinder der reinlicheren Juden (ich fürchte, ich muß dieses Wort gebrauchen), so würde das einen schlimmen Einfluß haben — einen schlimmen moralischen Einfluß — und körperliche Ansteckung veranlassen, und ähnliche andere Dinge werden uns erzählt. Solche Entschuldigungen werden immer gemacht, wenn man vorschlägt, Erziehungsanstalten zu demokratisieren. Man hat sie auch bei uns gehört. Es mag wohl möglich sein, die Jemenitenkinder heute aus den Quartieren von Tel-Awiw herauszunehmen und sie morgen in das Gymnasium zu tun, aber wir sollten unbedingt darauf hinzielen, eine allgemeine öffentliche Schule für alle Sektionen der jüdischen Gemeinde zu haben und so der heranwachsenden Generation ein allgemeines nationales jüdisches Bewußtsein einzupflanzen. Wenn dieses geschehen wäre, würde man, glaube ich, finden, daß die sogenannten niederen Klassen der Gemeinschaft ihr gerade so viel zu geben haben wie die besten. Von den Jemeniten bin ich z. B. überzeugt, daß sie große Geistesgaben besitzen.