Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 401 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina 401 Europa und Amerika aufwachsen; aber geistig schienen sie mir unentwickelt. Das sind natürlich für junge Juden ganz abnorme Verhältnisse, und ich glaube nicht, daß sie ihnen im ganzen zuträglich sind. Die meisten Juden lesen gern, lieben es in die Welt des Gedankens und der Schönheit durch Bücher und Berührung mit anderen Kulturen einzudringen. Es mag ja kein besonderer Nachteil dabei sein, wenn wir einmal eine Generation weniger belesener und spekulativen Argumenten weniger hingegebener jüdischer Knaben und Mädchen hätten, als seit Hunderten von Jahren; aber durch diese Art von Erziehung werden die Knaben und Mädchen nicht instandgesetzt werden, die schöpferische Arbeit zu leisten, die wir vom jüdischen Volk erwarten. Ich habe gesagt, es sei kein besonderer Nachteil, wenn einmal eine Generation unter dem Durchschnittsniveau bliebe; aber bei genauerem Nachdenken glaube ich, es ist doch einer. Denn durch die Isolierung der palästinensischen Judenheit und der Knaben und Mädchen, die in Tel-Awiw und anderswo aufwachsen, entsteht eine falsche Wertskala und ein ungesundes Streben nach europäischen akademischen Lorbeeren. Sie bewirkt unter ihnen eine Art von Drang nach Europa. In etwas konventionellen akademischen Begriffen erzogen, den palästinensischen Bedingungen, wie mir scheint, nicht angepaßt, kommen sie mir ihrer Bestimmung als Bürger und Erbauer eines jüdischen Palästina nicht so bewußt vor, als ich sie erwartet habe. Das Gymnasium in Jaffa gleicht meinem Dafürhalten nach mehr der hebräischen Abart einer europäischen Institution als einer wirklichen Erziehungs- und Pflegestätte für die kommende Generation von Palästinensern. Ich sage das in aller Zurückhaltung und bin mir vollkommen der außerordentlichen Schwierigkeiten bewußt, denen sich die Schule gegenüber fand. Aber solcher Art war der Eindruck, den ich mit fortnahm. Die endgültige Lösung des jüdisch-palästinensischen Problems kann nicht einfach in der Ausbreitung des Hebräischen gefunden werden. Das Gefühl der Hingebung an Palästina und der Bereitschaft, um Palästinas willen Pionierarbeit zu tun, ist das weit wichtigere. Das echteste jüdische Leben haben wir nicht in Tel-Awiw oder in den Städten gefunden, sondern in den Kolonien. In den Kolonien begegnet man Männern, von denen man auf den ersten Blick sagt: da ist ein Jude, der in seinem Land und für es lebt, es liebt und sich eins mit ihm fühlt. Das ist der Geist und die Atmosphäre, von denen ich im Westen träumte und die meinen zionistischen Glauben und meine Begeisterung stärken und rechtfertigen. Hier, das fühlt man, sind die Väter einer werdenden neuen jüdischen Nation. Aber unter den gegenwärtigen Bedingungen können diese Pioniere die neue Nation nicht ins Leben rufen. Sie können es zunächst nicht wegen ihrer Isoliertheit und besonders wegen ihrer geistigen Isoliertheit. Sie sind abgeschnitten von dem Hauptstrom des jüdischen Lebens. Sie haben wenig Bücher und fast keinen geistigen Verkehr. Das war während des Kriegs noch in höherem Grade <ier Fall, aber es ist auch heute noch ein schreiender Mißstand. Von dem, was das Jüdischste an ihnen ist, von ihrem Geist können sie kernen Gebrauch machen. Ihre gegenwärtigen Erfolge sind großenteils durch Anwendung grob empirischer Regeln errungen. Das ist eine Art zu arbeiten, wie sie kein Jude Hebt. So arbeitet ein Engländer, nicht ein Jude. Aber Palästina wenn es erstehen soll, muß nach jüdischer Methode geschaffen werden. Kein Englander Heft 9. 26