Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Einige Eindrücke von Jüdisch-Palästina
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 400 (sequence 7)
- Language
- German
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4QQ Alfred E. Zimmern: von einer ausgesprochen aristokratischen Gesellschaft. In einer Kolonie, an die ich besonders schöne Erinnerungen habe, vollzog sich unser Empfang in aufsteigender gesellschaftlicher Linie. Erst empfingen uns die Jemeniten, dann eine Arbeitersiedlung und schließlich die aristokratische Gesellschaft der Kolonie selbst. Die Folgen dieses Stands der Dinge, dieses Gemengsels von verschiedenen Subnationalitäten 'zeigen sich darin, daß Jüdisch-Palästina von Streitigkeiten erfüllt ist. Die Leute sprechen nicht von dauernden Lebensinteressen, sie beschäftigen sich mehr mit politischen Streitigkeiten. Flüchtig betrachtet, scheinen diese Streitigkeiten Interessenkonflikte zu sein, aber mich dünkt, daß sie in Wirklichkeit von dem Zusammenstoß der verschiedenen Stammeseigentümlichkeiten herrühren. Es sind Streitigkeiten zwischen Gruppen, die verschiedene Traditionen haben, ererbte oder erworbene, und unfähig sind, sie in einer einheitlichen, wohlgefügten jüdischen Grundhaltung zu verkörpern und zu harmonisieren. Es schien mir, daß bisher von der zionistischen Bewegung und ihren verantwortlichen Leitern nicht genügend Anstrengungen gemacht worden sind, diese Elemente zu verschmelzen und das Beste von ihnen zur Schöpfung einer neuen Nation zu benützen. So hat z. B. die zionistische Bewegung die Städte sehr vernachlässigt. Wenn Sie Ruppins oder andere Bücher lesen, so finden Sie, daß diese sich fast ausschließlich mit den Kolonien befassen.. Ich gebe vollkommen zu, daß die Kolonien weitaus die besten Aussichten für die jüdische Arbeit in Palästina bieten. Aber es scheint mir nicht angezeigt, das ganze Gewicht auf die Kolonien zu legen, während die Bedingungen in den Städten so chaotisch und in mancher Hinsicht so beklagenswert sind wie gegenwärtig. Die Folge ist, daß die zionistische Organisation einen etwas einseitigen Einfluß auf die palästinensische Judenheit geübt hat. Sie hat sich zu wenig um die Malaria und um andere Gesundheitsprobleme bekümmert; und in anderen Hinsichten hat sie eine einseitige Entwicklung begünstigt, mit dem Ergebnis, daß Jüdisch- Palästina gegenwärtig weit entfernt ist, eine Einheit zu sein. Sie werden mir sagen, daß die zionistische Organisation sich sehr bemüht hat, Jüdisch-Palästina durch die Ausbreitung der hebräischen Sprache zu vereinigen. Ich bin ein begeisterter Anwalt des Hebräischen, ich wollte, ich verstünde es und könnte es sprechen. Niemand ist durchdrungener als ich davon, daß es eines gemeinsamen Vermittlungsorgans für Denken und Ausdruck unter all diesen verschiedenen Abteilungen bedarf, und von Herzen wünsche ich der hebräischen Bewegung jeden Erfolg. Aber dieses Problem ist nicht dadurch zu lösen, daß man einfach alle Juden überredet, hebräisch zu sprechen. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, daß der Gebrauch des Hebräischen als eines Mittels zur Verständigung — gelehrt von Leuten, die unbedingt mehr deshalb gewählt sind weil sie hebräisch sprechen, als weil sie gute Lehrer wären — für die natürliche Entwicklung des jüdischen Geistes ein Hemmnis bedeutet. Die Entwicklung wird hintangehalten durch die Tatsache, daß die Schüler unter Bedingungen erzogen werden, die sie von vielen der stärksten Einflüsse und Genüsse der Kultur ausschließen. In Tel-Awiw wächst eine Generation heran, die ich mit einem Ausdruck, den Matthew Arnold auf die höhere englische Jugend in Eaton und Oxford angewandt hat, „junge Barbaren" nennen möchte. Sie sind ein prachtvoller, gesunder Typus und leben in einer herrlichen Umgebung. Es ist ein wirkliches Vergnügen, sie zu sehen und sie in Gedanken mit jüdischen Kindern zu vergleichen, die in den Winkelgassen von